Warum Tierversuche moralisch unzulässig sind

Aus Tierversuchsgegner

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Jean-Claude Wolf: Warum Tierversuche moralisch unzulässig sind

Seitens der Tierversuchsbefürworter wird häufig ein ethischer Konflikt »Die Ratte oder Dein Baby?« konstruiert. Philosoph Jean-Claude Wolf (Uni Freiburg / Schweiz) entgegnet: Für jeden moralisch akzeptablen Tierversuch gibt es auch ein moralisch akzeptables freiwilliges Humanexperiment.

Mein Argument gegen aggressive (das Wohl oder die Lebensdauer gefährdende) Tierversuche läßt sich stringenter (wenn auch nicht als strikter Syllogismus) formulieren. Es besteht aus folgenden Schritten:

1. Tiere können gewöhnlich nicht die ihr Wohl und ihre Lebensdauer betreffenden Risiken von aggressiven Experimenten verstehen; bloße Duldung von Experimenten ist kein sicheres Zeichen der Zustimmung,
1 a. Wenn Tiere die (wiederholte) Zufügung von Leiden oder den gewaltsamen Tod antizipieren und Fluchtverhalten an den Tag legen, dann muß dieses Verhalten (außer im Falle von therapeutischen Eingriffen am Tier) als deutliches Zeichen der Ablehnung respektiert werden.
2. Moralisch akzeptabel sind nur aggressive Selbstexperimente (der Experimentator setzt sich die Kathoden selber ein oder läßt sie sich freiwillig einsetzen) oder solche auf der Basis freiwilliger und informierter Zustimmung.
3. Selbst wenn einige Tiere klare Anzeichen der Zustimmung zur Teilnahme an aggressiven Experimenten geben könnten, gäbe es für jeden moralisch akzeptablen Tierversuch ein moralisch akzeptables und überdies über therapeutische Zwecke aussagekräftigeres freiwilliges Humanexperiment.

Aus 1 bis 3 folgt, daß aggressive Tierversuche moralisch unzulässig sind.

Selbst dann, wenn Tiere »kooperieren«, können sie insbesondere die Risiken des Versuchs nicht verstehen. Wenn sie anästhetisiert sind, können sie nicht einmal Ablehnung signalisieren. Stumme Duldung ist übrigens selbst bei Menschen nicht immer ein sicheres Zeichen der Zustimmung.

Mein Argument setzt nicht voraus, daß Rückschlüsse von Tierversuchen auf menschliche Reaktionen immer irreführend oder ohne Aussagekraft sind; ebensowenig setzt es voraus, daß Tiere nie Zeichen von Zustimmung oder Ablehnung geben können (die Katze läßt sich gerne kraulen, aber nicht immer!); schließlich mache ich auch nicht die falsche Annahme, daß Humanexperimente nur an Personen erlaubt sind, die den Sinn und Zweck der Versuche in jeder Hinsicht verstehen können (vgl. Sapontzis 1987, Kapitel 12). Versuchspersonen müssen lediglich die für ihr Wohl und ihre Lebensdauer bedeutsamen Risiken kennen.

Aggressive Experimente bedrohen oder verletzen immer Grundbedürfnisse. Wenn man - im Unterschied zu Singer - die Bedeutung der (vormoralischen) Bewertung von trivialen und nichttrivialen Interessen (Grundbedürfnissen) und das Prinzip der gleichen Achtung vor informierten beziehungsweise bewerteten Präferenzen anerkennt, wenn man überdies den Status der meisten Versuchstiere als Wesen mit Bewußtsein, aber gewöhnlich ohne Zustimmungsfähigkeit in bezug auf moralisch relevante Risiken anerkennt, dann sind die rigorosen Schlußfolgerungen unabweisbar. Sie ergeben sich nicht aus einem absoluten Tötungsverbot, das sich vermutlich gar nicht begründen ließe, sondern aus einem komplizierteren, aber überschaubaren Argument.


Exzerpt aus Jean-Claude Wolf: Tierethik. Neue Perspektiven für Menschen und Tiere. Freiburg, Schweiz: Paulus, 1992, Seite 137-138.


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Jean-Claude Wolf

Geboren 1953, studierte in Zürich, Bern und Heidelberg Philosophie, Germanistik und Literaturkritik. Doktorat und Habilitation an der Universität Bern.

Ordinarius für Ethik und politische Philosophie an der Universität Freiburg, Schweiz (seit März 1993).

Lehrstuhl für Ethik und politische Philosophie; Arbeitsgebiete: Angewandte Ethik, Rechtsphilosophie, Utilitarismus, Liberalismus.

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