Das Märchen von der Übertragbarkeit von Tierversuchen
Aus Tierversuchsgegner
Eine wissenschaftliche Wirkungs- und Verträglichkeitsvoraussage durch Tierversuche für den Menschen ist nicht möglich.

Man nennt sie »Weihrauch-Journalisten« und Karl Krauss, der begnadete Wiener Schriftsteller, unterstellte ihnen in seiner Zeitschrift »Die Fackel«, daß sie sich bei ihren Auftraggebern mit »kann schreiben links, kann schreiben rechts, kann schreiben in jeder Richtung« bewerben. Die Rede ist von Journalisten, die sich der Industrie verdingen, um fortan nicht mehr Information, sondern Propaganda zu verbreiten. Sie versuchen auch das übelste Produkt oder die mieseste Dienstleistung mit journalistischem Weihrauch zu umhüllen, in der Hoffnung, damit von den tatsächlichen Gegebenheiten abzulenken. Das gelingt selten, meist nie. Ein solcher Weihrauch-Journalist wurde jetzt von Dr. Hartinger bei dem Pharma-»Pressedienst Medikament und Meinung« enttarnt. Ebenso tapfer wie vergeblich schreibt er dort gegen die Fakten an. Wie verlogen das Ganze ist, lesen Sie hier:
Von der Welt-Gesundheitsorganisation ist ein 665seitiges Werk herausgekommen, in dem weltweit fast 8000 chemische Substanzen und Medikamente aufgelistet sind, die seit 1964 wegen schwerster und auch tödlicher Nebenwirkungen beim Menschen vom Markt zurückgezogen wurden. (Consolidated list of products whose consumption and/or sale have been banned, withdrawn, severly restricted or not approved by Governements.) Alle diese Substanzen wurden vorher an Millionen Tieren auf ihre Anwendungssicherheit beim Menschen hin »getestet« und für unbedenklich erklärt.
Schon in den 70er Jahren hat der weltbekannte amerikanische Toxikologe Litchfeld vergleichende Ergebnisse über die Verträglichkeit von Fremdsubstanzen zwischen Tier und Mensch veröffentlicht:
»32% der giftigen Symptome, die bei Ratte und Hund auftraten, waren beim Menschen nicht zu beobachten. Nur 26% der beim Hund aufgetretenen Vergiftungszeichen kamen auch beim Menschen vor, nicht aber bei der Ratte. Lediglich 7% der bei der Ratte festgestellten Vergiftungssymptome kamen auch beim Menschen vor, waren aber beim Hund nicht zu beobachten. Der allein hierdurch erkennbare Unsicherheitsfaktor bei der Ergebnisübertragung auf den Menschen sei dadurch noch bedeutend größer, weil verschiedene Vergiftungsmerkmale nur bei den Tieren - nicht aber bei allen - und andere wiederum nur beim Menschen vorkamen sowie bei Tier und Mensch in stark unterschiedlicher Stärke und Häufigkeit auftraten.«
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Treffsicherheit von Wahrsagern
Neuere Untersuchungen des Hamburger Pharmakologen und Tierexperimentors Leuschner bestätigen die absolute Unsicherheit einer Wirkungs- und Verträglichkeitsvoraussage durch Tierversuche für den Menschen. Nach optimalsten Wissenschaftskriterien hatte er über Jahre hinweg 23 chemische Verbindungen im Hinblick auf ihre vergleichende Giftwirkung bei Tier und Mensch untersucht. Danach konnten im statistischen Durchschnitt nur 50,3% der am Tier festgestellten Nebenwirkungen auch beim Menschen beobachtet werden. Das bedeutet bei der Übertragung ungefähr die Voraussage-Treffsicherheit eines Wahrsagers. Berücksichtigt man dabei, daß seine Untersuchungen sich alleine auf Giftigkeitssymptome beschränkten, nicht aber die für den Menschen ebenso bedeutsame krebserregende, organ-, erbgut-, frucht- und fertilitätsschädigenden oder allergisierenden Potentiale berücksichtigten, die unter dem Begriff »Verträglichkeit« eingeordnet werden, liegt die Übertragbarkeitsquote seiner Ergebnisse noch weit unter denen von Litchfeld.
Es wäre zu umfangreich, alle Wissenschaftler zu benennen, die eine Vergleichbarkeit des menschlichen Immunsystems mit dem des Tieres ablehnen und die Aussagefähigkeit einer künstlich erzeugten tierischen Krebserkrankung für den Menschen als unbrauchbar bezeichnen. Sie alle sind der Meinung, daß im Tierversuch in keiner Weise eine verwertbarsichere Wirkungs- oder Verträglichkeitsvoraussage für ihn zu erhalten ist.
Dazu kommt der selten angesprochene Umstand, daß im Tierexperiment zwar die Wirkung einer Substanz am jeweils ausgewählten Labortier festzustellen ist, aber über das Wesentliche eines Medikamentes, über seine heilende Wirksamkeit beim kranken Menschen, kann das auch vergleichsweise nichts aussagen. Wegen dieser geringen Aussagefähigkeit des Tierversuchs für den menschlichen Organismus schreibt ja der Gesetzgeber für die Zulassung jeder Arznei und jedes medizinischen Verfahrens den Nachweis über Wirksamkeit und Unschädlichkeit am Menschen vor! Entgegen anderslautenden Behauptungen beruht die Zulassung der Medikamente nicht auf den Tierversuchsergebnissen, sondern ausschließlich auf dem notwendigerweise vorgeschriebenen Unbedenklichkeits-Nachweis am Menschen!
Dieser wird allerdings als »klinische Erprobung« bezeichnet.
Manipulierte Untersuchungen
Solche in Fachkreisen hinlänglich bekannten Umstände hindern einige bei Interessensverbänden tätige, sogenanne Fachjournalisten keineswegs, großspurig zu verkünden: »Das meiste ist übertragbar. Dreiviertel der Nebenwirkungen werden im Tierversuch erkannt.« Belegt werden diese vollmundigen »Leser-Informationen« dann mit den »Fachbeiträgen« eines oder zweier professoraler Experimentatoren, was schon die weitverbreitete Wissenschaftshörigkeit empfiehlt. Möglich werden solche »Interpretationen« durch die Statistik, an die schon Churchill nicht glaubte, es sei denn, er habe sie selbst gefälscht. Doch es gibt noch weniger auffällige und solventer erscheinende Methoden für das gewünschte Ergebnis, als eine plumpe Zahlenfälschung. Man macht einfach keine näheren Angaben über die Art der Untersuchung und der statistischen Ausgangssituation, die evtl. Rückschlüsse auf die Aussagefähigkeit der Behauptungen erlauben. Der verbliebene Rest wird dann zweckgerichtet interpretiert; eine altbekannte Methode.
Man darf auch keine Hemmungen haben, anderslautende Wissenschaftsergebnisse einfach zu ignorieren und darauf zu vertrauen, daß der Leser sie nicht kennt. In diesem Falle war auch von grundsätzlicher Bedeutung, nicht zu erwähnen, daß zu der angeführten »Testung« Wirkstoffe in Medikamenten herangezogen wurden, die bereits zugelassen waren und über die ausreichende Erfahrungen vorlagen. Das heißt, daß diese Substanzen vor ihrer Zulassung für die Humanmedizin nach den Kriterien ihrer gleichgearteten Wirkung und Verträglichkeit zwischen Tier und Mensch ausgesucht wurden. Dabei mußten ca. 9998 Fremdstoffe eliminiert werden, es blieben 1 bis 2 mit annähernd vergleichbaren Reaktionen zwischen beiden übrig! Beim Wunsche einer korrekten Öffentlichkeitsinformation hätten aber die statistischen Berechnungen von der Ausgangssituation vor der Zulassung erfolgen müssen, womit sich allerdings der angegebene Übertragbarkeits-Prozentsatz der Nebenwirkungen von großspurigen 60 bis 70% noch unter die Litchfeld-Daten abgesenkt haben würde. Berücksichtigt man diese Vorauswahl der Substanzen aber nicht, und erwähnt sie auch nicht, ist das mit einer gezielten Desinformation gleichzusetzen.
Presserechtliche Richtigstellungen wurden nötig
Wie, Sie meinen so etwas gibt es nicht? Dann lesen Sie in dem Schriftwerk »Medikament & Meinung« vom Januar 1994, im Organ des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Frankfurt, nach und lassen sich von dem dort tätigen »Fachjournalisten« Frank Butschenbacher unter seinem Zeichen »fb« informieren. Zwar hat »fb« gewisse Lese- und Rechenprobleme, denn einerseits mußte er wegen wiederholter sinnentstellender Falschzitierungen ihm unbequemer einschlägiger Aussagen schon eine presserechtliche Richtigstellung seiner Beiträge vornehmen, und andererseits sind 60 bis 70% nach Adam Riese auch nicht Dreiviertel, sondern nur Zweidrittel!
Doch dafür hat er die bemerkenswerte Fähigkeit, sofort zwischen seriösen Medizinern und anderen unterscheiden zu können. Das will schon etwas heißen für jemanden, der weder eine naturwissenschaftliche noch eine medizinische Ausbildung hat und auch sonst keine fachbezogenen persönlichen Erfahrungen. Also ein medizinischer Self-made-man sozusagen. Aber vielleicht sind solche einschlägigen Vorkenntnisse für einen angestellten Schreiber auch gar nicht erforderlich - möglicherweise sogar hinderlich?
Man könnte dann allerdings auf den Gedanken kommen, daß er Sachinhalt und -wahrheit seiner verschiedenen seriösen Veröffentlichungen nicht zu beurteilen in der Lage wäre. Dafür würde u.a. der Umstand sprechen, daß er entgegen seiner Artikel-Tendenz auch zwei alleine aussage- und zustimmungsfähige Resultate dieser »Fachbeiträge« anführt. So erstens, daß der Tierversuch über die Disposition des Menschen, als eine der Ursachen für auftretende Nebenwirkungen, nichts vermitteln kann. Zweitens, daß die sogenannten »Befindensstörungen« überhaupt nicht erfaßt werden können, wie z.B. Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwindelgefühl, Verdauungsstörungen, Schmerzen, Gleichgewichtsstörungen, Brechreiz, Krampfneigungen, Miktions- und Defäkationsstörungen, Übelkeit, Benommenheit und vieles andere mehr! Also es wird genau das bestätigt, was die Tierversuchsgegner u.a. immer gegen die Tierexperimente ins Feld führen. Oder sind das keine Nebenwirkungen?
Unverantwortliches Lotteriespiel
Mehr als unseriös ist fernerhin der Versuch, die angeblichen Übertragbarkeits-Prozentsätze auch als Anwendungssicherheit zu verkaufen, und eine ignorante Unterstellung ist, der Tierversuchsgegner würde immer mit einer »Nichtübertragbarkeit« argumentieren. Beides ist schlichtweg ein ebenso unsinniger wie vergeblicher Diskreditierungsversuch. Entgegen der Beeinflussungstendenz bedeuten solche Übertragbarkeitsquoten keine Sicherheit für den einzelnen Patienten oder Konsumenten, denn keiner weiß, ob er bei der Einnahme solcherart »geprüfter« Substanzen zu der Gruppe mit oder ohne Nebenwirkungen gehören wird. Auch lehnt kein wissenschaftlich argumentierender Tierversuchsgegner eine Übertragbarkeit der Tierversuchsergebnisse einfach ab. Im Gegensatz zu »fb« weiß er, daß auch der absolut sicherheitsirrelevante Übertragungsquotient von z.B. 0,2% mathematisch eine Übertragbarkeit darstellt.
Das ist aber nicht das Wesentliche, von dem immer abzulenken versucht wird. Von entscheidender Bedeutung ist, daß nach dem Tierexperiment nur die Aussage zu machen ist, welche Reaktionen das ausgewählte Labortier unter den gegebenen Bedingungen gezeigt hat. Ein unverantwortliches Lotteriespiel ist es, daraus abzuleiten, daß auch der Mensch so reagieren würde. Erst wenn der gleiche Versuch mit einem unvorhersehbaren Resultat und einem unqualifizierbaren Risiko auch beim Menschen durchgeführt wurde und beider Experimentergebnisse verglichen werden können, ist im Nachhinein feststellbar, ob er überhaupt, und wenn ja, in welcher Dimension wie das Versuchtstier reagiert, toleriert und kompensiert. Vorher ist jede übertragende Aussage eine Spekulation, denn der Übertragungsquotient ist weder bekannt noch berechenbar. Das ist ja der Grund, weswegen der Gesetzgeber für die Zulassung jedes Medikamentes den Nachweis der Unschädlichkeit im Menschenversuch fordert.
Entsprechend seinem Beurteilungsmaßstab unterstellt »fb« augenscheinlich beim Leser eine diesbezügliche Unkenntnis und hofft vermutlich, daß dieser die »Ungereimtheiten« seiner seriösen Information nicht bemerkt. Doch auch das dürfte eine Illusion sein, denn der Leser ist meistens nicht so einfältig, wie es ihm oft unterstellt wird. Nach Zurkenntnisnahme solch durchsichtiger Zweckinterpretationen dürfte er weiteren Ausführungen aus der gleichen Quelle mit größter Skepsis begegnen und den Feststellungen des bekannten Buchautors Theodor von Keudell zustimmen (»Die Pharmaverschwörung«, Facta Oblita Verlag):
»Wenn's ums Geld geht, hört die Freundschaft auf. Im Gesundheitswesen geht es sehr vielen ums Geld, um sehr viel Geld. Kein Wunder also, wenn wir belogen, betrogen oder für dumm verkauft werden!«
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