Aussteiger

Aus Tierversuchsgegner

Wechseln zu: Navigation, Suche

Download: Dieses Buch mit Bildern als ZIP

Gerhard Schönauer

Aussteigen - aber wie?

Ein Weg zum Leben im Grünen


haus.jpg



Gerhard Schönauer: Aussteigen - aber wie? Ein Weg zum Leben im Grünen.
Herausgeber, Vertrieb und Copyright: Institut für Baubiologie + Oekologie IBN, D-83115 Neubeuern
4. erweiterte Auflage 1995, ISBN 3-923531-21-4
1. HTML-Fassung 6.9.2000, 2. wesentlich erweiterte HTML-Fassung 31.5.2001, 3. und finale HTML-Fassung 5.6.2001


Vorwort

Gerhard Schönauer ist ein Mann, der rechtzeitig das Aussteigen gewagt hat - zugleich persönlich und im Zeitgeschehen betrachtet. Denn das Aussteigen wird schwieriger. Viele aufgeschlossene und idealistische junge Leute probieren es - und manche fallen dabei auf die Nase.

Das muß nicht sein! Schönauer gibt aus seinem reichen Erfahrungsschatz Hunderte von Tips, wie man es machen soll, wie nicht oder warum nicht und welche Voraussetzungen materieller sowie geistiger Art die Möchtegern-Aussteiger haben sollten. Einerseits nimmt er Illusionen, andererseits aber macht er denen Mut, die schon zum Sprung ansetzen, sich aber nicht springen trauen, weil ihnen von allen Seiten her abgeraten wird.

Schönauer ist Meister darin, ohne erhobenen Zeigefinger, augenzwinkernd und humorvoll ziemlich alles in Frage zu stellen, was uns bisher als völlig normal erschien und dessen Richtigkeit wir nicht anzweifelten, weil wir den eigentlichen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht erkennen. Wir sind wie dressierte Affen und tun, was Eltern, Lehrer, Kirche, Staat und Nachbarschaft verlangen. Auch gegen unseren Instinkt, gegen unsere tiefsitzende Sehnsucht nach dem Ideal - bis wir an der berühmten Sinnfrage des Daseins ankommen. Dann entstehen Neurosen, Psychosen, Aggressionen und Depressionen, dann greift man nach Drogen - von der Zigarette über Alkohol bis zu den »harten« Sachen.

Auch Nichtaussteiger können dieses Buch sowohl mit Gewinn als auch mit Vergnügen lesen. Sie werden mit einem lachenden und einem weinenden Auge zugeben, daß so ungefähr die Hälfte aller ihrer Verrichtungen und Anschaffungen fremdgesteuerte Manipulationen, beziehungsweise Zugeständnisse an Konventionen sind. Wir Deutsche sind dafür besonders prädestiniert! Ob es sich um Wohnung oder Kleidung, Arbeit oder Muße, Landleben oder Stadtleben, Gesundheit oder Krankheit, Bildung oder Spezialistentum, Selbstversorgung oder Konsum handelt, Schönauer läßt kaum ein heißes Thema aus und dreht es genüßlich durch die Mangel, bis ein kümmerliches Fragezeichen oder eine hoffnungsvolle Ernüchterung übrig bleibt.

Schenken Sie das Buch ihren Freunden und Bekannten, ihren Kindern, allen, die noch nicht völlig frustriert und verkalkt sind, die sich noch etwas sagen lassen, die mit der heutigen Entwicklung nicht einverstanden sind, welche die Hoffnung auf ein Leben mit der Natur nicht aufgegeben haben.

Wie sagte doch Hermann Hesse:

»Wirklichkeit ist wie ein Blitz,
der in jedem Steine gefangen zuckt.
Weckst du ihn nicht,
so bleibt der Stein ein Stein,
die Stadt eine Stadt,
die Schönheit schön,
die Langeweile langweilig,
und alles schläft den Traum der Dinge,
bis du, aus deinen hochgespannten Strömen her,
sie mit Gewitter »Wirklichkeit« überflutest«.

Vorwort zur 4. Auflage

Fünf Jahre nach der Erstauflage gab Gerhard Schönauer die Erlaubnis, eine vierte erweiterte Auflage seines beliebten Aussteiger-Knigges herauszugeben.

Das Büchlein war nach jedem Erscheinen schnell vergriffen. Wie wir wissen, wurde es nicht nur von Aussteigern gern gekauft, sondern auch an Ziellose, Unentschiedene und Etablierte verschenkt. Manche Leser gaben zu, sie hätten konsequenterweise ihren ganzen Lebensstil umgekrempelt.

Inzwischen hat der Lebenskünstler Gerhard Schönauer gemeinsam mit seiner Frau ein zweites Heim gebaut. Er denkt und schreibt nicht nur über den »Weg zum Leben im Grünen«, sondern setzt seine Erkenntnisse beispielgebend in die Tat um.

Wir wünschen Aussteigern und Nicht-Aussteigern gleichermaßen wertvolle Anregungen und viel Vergnügen bei der Lektüre von »Aussteigen - aber wie?«

Irmingard Schneider-Hahn
Neubeuern 1995

Das große Leid und der Ausweg

Der hastende Mensch ist sicher nicht nur von Gier gelockt, die stärksten Lockungen würden ihn nicht zu so energischer Selbstbeschädigung veranlassen können, er ist getrieben, und was ihn treibt, kann nur die Angst sein.
Konrad Lorenz

Wo steht ein Kind am Ufer und belauert Frösche? Wo sitzt ein Mann am Strand und singt ungeniert übers Meer hinaus? Wo kichern und plaudern Mädchen am Brunnen beim Wasserholen? Wo turnen Kinder mit roten Wangen und strahlenden Augen in den Bäumen? Wo sitzt die Oma vor dem Haus und strickt? Auf Korsika vielleicht, in einem griechischen Dorf oder einem sehr entlegenen Alpental. Aber in Hamburg, Frankfurt und Wien wälzen sich menschenfeindliche Blechschlangen durch die Straßen, hasten Leute in Tuchfühlung gierig durch geldschluckende Kaufhäuser und über ermüdendes Straßenpflaster, jeder jedem ein Hindernis und Konkurrent - verbissene und vergrämte Gesichter, Eile, Bedrücktheit, Angst, Verschlossenheit, Flucht, Lustlosigkeit, Kummer, Lebensüberdruß.

Jeder dritte Mensch in unserem Kulturbereich versucht irgendeinmal Selbstmord. Jeder Fünfzigste stirbt durch Selbstmord.

Was machen wir falsch? Könnten wir Wohlbefinden und Freude, Leid und Kummer messen wie etwa Blutdruck und Körpertemperatur, dann wäre es leicht, herauszufinden, wie man leben muß, damit es einem gut geht. So aber scheint mir der Selbstmord, auch der versuchte, das genaueste Maß für ein abgrundtiefes Unbehagen zu sein, woran man annähernd ablesen kann, wie man nicht leben darf und daß man anders leben muß.

Die meisten Selbstmorde werden in Deutschland, Österreich, Japan, in der Schweiz und in Frankreich verübt mit jährlich 20 bis 30 je 100000 Einwohner. In den Städten ist die Selbstmordrate höher als auf dem Lande - eine Annäherung findet statt -, unter Gebildeten wiederum höher als unter weniger Gebildeten. Am Ende der Skala der Länder stehen Italien, Griechenland und Spanien. Diese Verhältnisse sind seit einigen Jahrzehnten wenig verändert. In Süditalien ist der Selbstmord zehnmal seltener als etwa in Berlin.

Lassen wir uns von den Psychiatern und Gesundheitspolitikern nichts vormachen: Es ist nicht jeder dritte schizophren oder manisch-depressiv oder sonstwie verrückt! Sondern die Walze der Überzivilisation zerquetscht uns und läßt ein Häuflein Elend zurück.

Nur wenig helfen da Psychotherapien, Mystizismus, Sektentum, Religiosität, Romantik, Nostalgie, Naturschwärmerei, Yoga, Fitnessmärsche, Gymnastik und Fasten. Das ist alles zweifelhafte Medizin. Was uns krank macht, ist die Zivilisation, besonders die übertriebene. Das Gegenteil von Zivilisation ist Natur.

Wer an der Zivilisation nur Teilbereiche wie z.B. die Verwöhntheit des Menschen, die maßlose Vermehrung nicht zu befriedigender Bedürfnisse, das Selbstsinnlosigkeitsgefühl, Streß, Degeneration, Menschenzusammenballung, Bewaffnung, Körperverfall oder Fehlernährung als vorherrschenden Mißstand herausstellt, der drückt sich davor, unpopulär zuzugeben, daß die allermeiste Zivilisation von Übel ist. Jeder »genießt« selber allerhand Zivilisation, auf die er nicht verzichten will. Doch habe ich es selbst erlebt und werde noch öfter darauf zu sprechen kommen: Der Verzicht in vorsichtigen kleinen Schritten bringt so viel Lebensverbesserung, daß er deutlich mehr Freuden als Unannehmlichkeiten schafft.

Der Mensch hat viele hunderttausend Jahre seine Lebensumstände und sich selbst nur wenig geändert und befand sich beinahe in einer »heilen Welt« in harmonischer Anpassung, genauso wie die meisten Tiere. Gewiß, es gab Änderungen, etwa klimatische oder in der Ernährung. Aber derlei dauerte Jahrtausende. Die Zivilisation hat die Lebensverhältnisse des Menschen viel schneller verändert, als daß er sich genügend hätte anpassen können. Man sagt dem Menschen zwar hervorragende Anpassungsfähigkeit nach. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man sich nur genug anpaßt, um überhaupt zu überleben, und das haben wir bisher geschafft, oder ob man sich vortrefflich anpaßt, so daß man auch gut und freudig lebt, und das haben wir nicht geschafft. Auch darf man nicht erwarten, daß sich Lebewesen an alles anpassen können, auch wenn sie noch so viel Zeit dazu haben, etwa an ein Leben bei extremen Temperaturen. Wir können nicht erwarten, daß uns das Tabakrauchen, das uns heute krank macht, in ein paar tausend Jahren höchst zuträglich wird. Die meisten zivilisatorischen Veränderungen halte ich für so widernatürlich, daß sich der Mensch nie und nimmer anpassen wird.

Die Vorausschau geht schief

»Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte«, sagte der kleine Prinz, »würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen.«
Saint-Exupéry

Die Befürworter des Fortschritts wissen immer eine endlose Liste unserer Errungenschaften aufzuzählen, »wie wir's so herrlich weit gebracht« haben. Rad und Wagen, Pflug und Mähdrescher, Radio und Auto. Medikamente, Geld und Buchdruckerei. All das hat seine Vorteile. Vieles macht regelrecht Freude. Verwunderlich nur, daß wir nach Jahrtausenden fortgesetzter Verbesserungen zwar ein hochkompliziertes, üppiges, ja überladenes, keineswegs aber ein zufriedenes oder gar glückliches Leben führen.

Wir verbessern andauernd und leiden trotzdem immer mehr. Warum eigentlich haben die so begrüßten vermeintlichen Verbesserungen das Leben insgesamt doch nicht schöner und lebenswerter gemacht? Weil die allermeisten Fortschritte nur ein schlechter Tausch sind. Jede Verbesserung bringt - als unliebsames Beiwerk - Nachteile mit sich. Der Vorteil beeindruckt uns sofort. Die Nachteile sind meistens verschleiert und folgen viel später. Wir haben ein Auto; allerlei Vorteile freuen uns sofort. Aber daß wir davon nervös werden, der Körper verkümmert, daß uns Kontaktmöglichkeiten entgehen, daß wir die Luft vergiften und daß wir schließlich im Durchschnitt bis zu vier Stunden täglich dafür aufwenden (wie Ivan Illich für den Durchschnittsamerikaner ermittelt hat, nämlich Autofahrt, Pflege und Arbeitszeit für die Kosten zusammengenommen), das fällt uns kaum auf. Das ist der ständige Aderlaß, dem wir dabei zum Opfer fallen.

Wir erhöhen den Landertrag durch Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungsmittel. Daß wir aber dabei nützliche Lebewesen töten, Humus zerstören, den Wasserhaushalt des Bodens verändern und auf lange Sicht den Boden auslaugen und unfruchtbar machen und uns durch Gift in der Nahrung und im Trinkwasser Krankheiten holen, diese schleichenden Nachteile berühren uns erst viel später.

So freut es uns auch im Augenblick, wenn wir die Säuglingssterblichkeit mit Hilfe der modernen medizinischen Kunst verringern. Daß wir aber dabei der natürlichen Auslese ins Handwerk pfuschen, so daß die Kinder mit schlechtem Erbgut überleben und sich fortpflanzen und wir auf die Dauer von Generationen eine tödliche Erbverschlechterung davontragen, das ist der verschleierte Nachteil.

Eine Heuwendemaschine zum Beispiel arbeitet so viel wie zwanzig Leute. Aber zuerst mußten viele Arbeitsstunden geopfert werden, um das Kapital für ihre Anschaffung zu verdienen. Man begibt sich in die Abhängigkeit von Treibstoff und Reparaturwerkstatt. Man sitzt bewegungsarm, lärmgestört und bald durch Bandscheibenschäden geplagt auf dem Traktorsitz. Und was tun die eingesparten neunzehn Leute jetzt? Sie sind Fabrikarbeiter oder Büroangestellte, leben in der Stadt und leiden an Gemüt und Körper mehr als früher, als sie den Heurechen bedienten. Einige stellen womöglich gerade eine Heuwendemaschine her, andere Treibstoff in der Raffinerie. Sie brauchen dringend Urlaub, den sie als Feldarbeiter nicht nötig gehabt hätten. Sie brauchen ein Auto und starke Nerven für den Weg zum Arbeitsplatz.

Ein Dichter sieht das so. Antoine de Saint-Exupéry in Der kleine Prinz:

Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr zu trinken.
 »Warum verkaufst du das?« fragte der kleine Prinz.
 »Das ist eine große Zeitersparnis«, sagte der Händler. »Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.«
 »Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?«
 »Man macht damit, was man will.«
 »Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte«, sagte der kleine Prinz, »würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen.«

Man könnte tausend Seiten darüber schreiben, wollte man jede zivilisatorische Errungenschaft unter die Lupe nehmen. Offenbar ist der Mensch nicht dazu fähig, die an eine Verbesserung geknüpften, späteren Verschlechterungen vorauszusehen. Könnte er das, dann hätte er seit jeher alles beim alten gelassen. Daß das Mißtrauen gegen Neuerungen allmählich ins allgemeine Bewußtsein dringt, zeigt das Tauziehen um Atomwerke. Man mißtraut nicht aus Sachkenntnis im einzelnen, sondern man mißtraut der Neuerung wegen der Unabwägbarkeiten, wegen des Unvorhersehbaren, siehe Tschernobyl.

Da die heutigen Menschen durchwegs unglücklicher sind als die Menschen in naturnahen Zeiten, muß offensichtlich die Summe der Nachteile aller Fortschritte größer sein als die Summe ihrer Vorteile.

Zivilisationsmüdigkeit

Die Städte aber wollen nur das Ihre
und reißen alles mit in ihrem Lauf.
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere
und brauchen viele Völker brennend auf.
Und ihre Menschen dienen in Kulturen
und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß,
und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren
und fahren rascher, wo sie langsam fuhren,
und fühlen sich und funkeln wie die Huren
und lärmen lauter mit Metall und Glas.
Rilke

Als Kind hörte ich meinen Vater oft sagen »zurück zur Natur« oder »das kommt von der Zivilisation«. Die Einsicht war da, aber die folgerichtige Verhaltensweise blieb aus. Lediglich der Sonntagsausflug und die Ferien auf dem Lande waren kleine Schritte hin zur Natur. Ansonsten wurde täglich ins Büro getrottet, in einer großstädtischen Mietwohnung gewohnt, Zeitungen wurden abonniert, Reinlichkeit und Sitten gepflegt, zum Friseur wurde gegangen, eine Krawatte getragen, die Beamten-Stufenleiter jahrzehntelang mühsam hinaufgekrochen, nach oben gebuckelt, nach unten gedrückt, wenn auch in anständiger Zurückhaltung, den Kindern Manieren und Bildung beigebracht und zum Schluß bekam man ein Studium »geschenkt«.

So geht es millionenfach. Viele spüren, es ist etwas faul in unserem Lebenswandel, wir sind naturentfremdet. Es werden Bücher geschrieben und sogar gelesen - aber weder die Schreiber noch die Leser tun etwas oder nur sehr wenig -, es werden Diskussionen entfacht, Tagungen abgehalten, allenthalben wird über Zivilisationskrankheiten geforscht und gejammert, Herzinfarkt, Krebs in jungen Jahren, Aids, Allergien, Nervosität, Schlafstörungen, Magengeschwüre, Zuckerkrankheit, Rheuma, Bandscheibenschäden, Zahnfäule, Bluthochdruck, Verkehrsunfälle. Doch was wird getan? Weitergejagd, weitergemanagt, weitergerafft, weitergeprahlt, weitergefressen, weitergefahren, aus Trägheit, Überlieferung und Vorurteil - und vor allem wegen des Vorurteils, man könne keine andere Arbeit verrichten. Der »Intelligenzler« traut sich zu, ein Segelboot zu führen oder einen Berg mit Seil und Steigeisen zu besteigen, weil Sport als gesellschaftsfähig gilt. Aber er traut sich nicht, mit Spaten und Maurerkelle umzugehen.

Das zweite Vorurteil: Man braucht unbedingt viel Geld, so viel wie man nur erreichen kann. »Man lebt soundso, das ist der Stil unserer Zeit, dazu wird man schon als Kind erzogen. Selbst wenn es daran manches auszusetzen gibt, man schwimmt einfach mit, weil das am sichersten und bequemsten ist. Nur ein paar Außenseiter sagen sich: Schluß damit, ich fange ein ganz anderes Leben an. Meistens kommt die Einsicht zu spät, und je älter man ist, um so schwieriger ist die Umstellung.

Will man auf zwei Sesseln sitzen, in der Stadt gut verdienen und obendrein ein Landleben führen, eine Stadt- und eine Landwohnung haben, von ungespritztem Gemüse leben, aber keine Erde umgraben, Landluft atmen, aber zum Supermarkt nebenan gehen, dann gewinnt man zwar einige Vorteile, wird aber das große Leid, von dem die Rede war, nicht los.

Wer nicht in der Diskussion stecken bleiben will, muß sich von allerhand losreißen. Man sollte ein unbeirrbares Selbstbewußtsein haben, damit einem der Prestigeverlust nichts antut. Immer noch herrscht die verblendete Menschenbewertung nach Geld, Bildung und Rang. Wenn der Herr Inspektor oder Amtsrichter, oder Herr Direktor oder Doktor auf einmal »nur« der Herr Müller oder Meier ist, im geflickten Pullover umhergeht und beim Kaufmann sehr preisbewußt einkauft, dann kränkt das ihn und seine Familie. Denn wie wohl sich einer fühlt, wie gesund und fröhlich einer ist, das wertet die öffentliche Meinung nicht. Aber der glückliche »Unterprivilegierte« verdient mehr Wertschätzung und hat das Leben besser gemeistert als der unglückliche »Privilegierte«.

Es wird wohl für den Anfang eine Sache besonders entschlossener, willensstarker und selbstbewußter Menschen bleiben, die sich nicht beim Gerede aufhalten, sondern ihr Leben tatkräftig ändern. Doch ist das Landleben weniger eine Frage von Schaufel und Mistgabel, als vielmehr eine Frage der Gesinnung der Liebe zur Natur und Einfachheit. Was fehlt, ist meistens das vollständige Umdenken, das stark genug ist, den Schritt ins ganz andere und bessere Leben herbeizuführen.

Stadtflucht - Landflucht

Begib dich gleich hinaus aufs Feld
fang an zu hacken und zu graben
erhalte dich und deinen Sinn
in einem ganz beschränkten Kreise,
ernähre dich mit ungemischter Speise,
leb´mit dem Vieh als Vieh, und acht es nicht für Raub,
den Acker, den du erntest, selbst zu düngen;
das ist das beste Mittel, glaub'!
Goethe

Vorerst wagen nur wenige den Schritt von der Stadt aufs Land zurück. Mehr sind es schon, die zugeben, so wäre es am besten. Aber die große Umstellung und die Wagnisse, das Neulernen, den Prestigeverlust und die eventuellen Entbehrungen scheuen sie und bleiben schließlich doch in der Stadt.

Trotz der Stadtflucht gibt es immer noch eine gewisse Landflucht, meist von jungen Leuten bäuerlicher Herkunft. Sie sind sich der Vorteile des Landlebens nicht bewußt, weil sie ihnen selbstverständlich sind: nämlich die Freiheit, die beruhigende Sicherheit, sich in noch so schlechten Zeiten aus dem eigenen Boden ernähren zu können, die hübsche Umgebung, die Selbständigkeit, die Vielfalt der Beschäftigung und die Freude am Wetter, an der Natur, an Tieren und Pflanzen. Alles Selbstverständlichkeiten, die der moderne Bauer im allgemeinen kaum schätzt. Hingegen berühren ihn die Nachteile: weniger Geld, körperliche Anstrengung, Schmutzarbeiten, Mangel an Unterhaltungslokalen. Von der Stadt mit dem vielen Geld erwartet er sich mehr Konsum, Vergnügungen und Bequemlichkeit, und er bekommt auch alles. Nur das Abwägen, was schließlich für das Lebensglück schwerer wiegt, ist Täuschungen unterlegen.

Daß unter der Landbevölkerung die Vorteile des Landlebens nur wenig gewürdigt werden, liegt an den Wertvorstellungen der Städter, die sie sich mehr und mehr zu eigen gemacht hat. Die meisten denken kaufmännisch, materialistisch und geltungssüchtig. In den bäuerlichen Nachrichtenblättern ist von Subventionen, Konferenzen, Märkten, Export und Import, von Preisen, Steigerungs- und Zuchtergebnissen, von Dünge- und Spritzmitteln und Forderungen an den Staat die Rede. Es sind Wirtschaftsblätter für Farmer. Von interessanten Erlebnisberichten, von Ratschlägen für allerlei handwerkliche Arbeiten auf dem Hof, von Schilderungen der Vorteile eines reich gemischten, giftfreien und gesunden Landbaus, von Sparvorschlägen, Blumen und Freizeit ist hier nur wenig die Rede.

Welcher Bauer will schon noch etwas von der persönlichen Freundschaft zu den Tieren wissen, wen interessiert es noch, wie gut sie sich fühlen? Da bleiben die Rinder in ihre Box gesperrt, das ganze Jahr über, und lernen weder Wiese noch Sonne kennen. Hühner werden in Batterien gepfercht, Schweine durch Kunstpräparate so aufgequollen, daß manche nicht mehr den Transport zum Schlachthof lebend durchstehen. Nur die Kinder interessiert es noch, wie prächtig der Gockel auf dem Mist stolziert - wo es den ausnahmsweise noch gibt -, wie zart die weißen Pfötchen der schwarzen Katze sind, wie das Kälbchen mit der Zunge in der Nase bohrt. Für die meisten Erwachsenen ist die Katze nur eine Mäusevernichtungseinrichtung, die anderen Tiere sind Geld, bloßes Geld. Und das Herz verkümmert.

Wie konnte es zu dieser ideellen Abwirtschaftung auf dem Lande kommen? Einerseits hat die Stadt, die Brutstätte aller Widernatürlichkeiten, durch den wachsenden Verkehr das Land beeinflußt, andererseits haben die Maschinen den Bauern entmenschlicht, und schließlich hat der Ansturm von neuen Bedürfnissen wie Auto, Fernseher, modische Kleidung und Geschirrspüler auch hier nicht haltgemacht und dadurch einen plötzlichen Geldhunger ausgelöst. Die meisten Kleinbauern gehen einem Nebenverdienst nach, obwohl sie sehr zufrieden und angenehm von der Landwirtschaft allein leben könnten. So schleicht sich der Lebensstil des städtischen Arbeiters ins Landleben ein. Und die Werbung in den Medien tut noch ein übriges zur Beschädigung der Gemüter und zum Wohle der Banken.

Land genug

Um überleben zu können, ist es erforderlich, daß wir verschiedene Dinge haben, behalten, pflegen und gebrauchen. Dies gilt für unseren Körper, für Nahrung, Wohnung, Kleidung und für die Werkzeuge. Dieses funktionale Haben kann man auch als existentielles Haben bezeichnen, da es in der menschlichen Existenz wurzelt. Es ist ein rational gelenkter Impuls, der dem Überleben dient.
Erich Fromm

natur.jpg
In dieser Einheit von Natur, Architektur und Mensch lebt Gerhard Schönauer.
Millionen Menschen könnten das auch.

Wer sich endlich sagt, ich will es unternehmen, ich ziehe aufs Land, der braucht keine Angst zu haben vor dem Einwand: Woher soll der Boden kommen , wenn das alle täten? Erstens tun es nur wenige, die Bewegung ist noch schwach. Und zweitens gibt es Land, man muß es nur suchen.

Zur Selbstversorgung braucht man nur 0,2 bis 0,3 Hektar je Person, so daß Land genug vorhanden wäre, um sich davon versorgen zu können. Eine Familie kommt also je nach Größe mit ein bis zwei Hektar aus. Das Argument, wir brauchen Agrarimporte, unser Boden könne uns nicht ernähren, ist leicht zu entkräften. Die meisten Leute ernähren sich falsch. Es wird zu viel gegessen, insbesondere zu viel Fleisch. Für Fleisch wird aber etwa zehnmal soviel an Boden benötigt wie für die Herstellung von Pflanzenkost mit gleichem Nährwert.

Verzichtet man auf Getreideanbau und Tierhaltung, so genügt sehr wenig Fläche. Ich zitiere aus dem großen Reader's Digest Gartenbuch: »Eine vierköpfige Familie braucht für den Anbau ihres Jahresbedarfes an Gemüse, Salat und Kartoffeln rund 500 qm Land. Die dafür benötigte Arbeitszeit - zur Bestellung, Bearbeitung und Ernte - beläuft sich auf 230 Stunden.«

Für Landkäufer interessant ist, daß jederzeit in Österreich 100 000 Hektar früher bebautes Gelände brach liegen. Noch augenfälliger liegen herrliche, fruchtbare, große und zahlreiche Brachflächen im südlichen Europa, also in Jugoslawien, Italien, Griechenland, Korsika, Spanien, ja sogar in Frankreich. Wer Land braucht, hat höchstens die Qual der Wahl. Am billigsten ist es, langfristig zu pachten.

Kauft man landwirtschaftliches Gelände, so kann man als groben Richtpreis in der BRD 30 000 bis 50 000 DM für einen Hektar ansetzen, vorausgesetzt, daß die nächste Stadt, je nach Größe, nicht näher als zwanzig bis sechzig km entfernt liegt. Besonders groß ist das Landangebot im Mühl- und Waldviertel und in der südlichen Steiermark, in Deutschland in Oberfranken, im Bayrischen Wald sowie in Nord- und Ostdeutschland.

Die einstweilen noch höchst theoretische Frage, woher die Ländereien nehmen, wenn einmal die jetzt freien Flächen vergeben sind, könnte so beantwortet werden: Im gleichen Umfang, wie sich ehemalige Lebensmittelabnehmer nun selbst versorgen, können bisherige Bauern ihre Produkte nicht mehr verkaufen und müssen sich »gesundschrumpfen«, also Land verkaufen oder verpachten. Damit wäre beiden gedient: dem Siedler, der ein gesundes Leben in der Natur verwirklichen kann, und dem Landwirt, dessen Altersversorgung und Existenz gesichert ist.

Genügt aber dieser Mechanismus zunächst nicht, so gäbe es eine zweite Lösung: Steil ansteigende Besteuerung des Landbesitzes, wonach beispielsweise bis zu fünf Hektar steuerfrei bleiben, dann aber die Steuer einsetzt, so daß Flächen über dreißig oder fünfzig Hektar unwirtschaftlich werden. Indessen glaube ich, daß solche Gewaltmaßnahmen nie nötig werden, so daß uns das Jammergeschrei der Großgrundbesitzer erspart bleibt.

Daß unsere Landschaft mit Kleinsiedlerhöfen übersät würde, wäre zwar keine Zierde, aber als notwendige Folge der Überbevölkerung immer noch weniger schmerzlich als das Leben in unseren gespenstischen Großstädten.

Inzwischen machen die Behörden immer mehr Auflagen bei einer Genehmigung von Siedlungsflächen - besonders im sogenannten Außenbereich -, so daß sich die meisten schon davon abschrecken lassen. Am besten ist immer noch, alte Gehöfte instandzusetzen und z.B. als Gärtnerhof oder als Ökosiedlung zu nutzen.

Mein Weg in die Freiheit

Freiheit ist ein Zustand des Geistes - nicht die Freiheit von etwas, sondern das Gefühl der Freiheit , der Freiheit, alles anzuzweifeln und in Frage zu stellen, und zwar so intensiv, aktiv und kraftvoll, daß sie jede Art von Abhängigkeit, Sklaverei, Anpassung und Anerkennung von sich wirft.
Krishnamurti

Daß es mir jetzt gut geht, verdanke ich unter anderem dem Übelstand, daß es mir einst besonders schlecht ging. Meine Kindheit und frühe Jugend waren vom elterlichen Millieu geprägt: spießbürgerlich und strebsam. Erziehung zu Tüchtigkeit, Ordnung und Fleiß, und zwar, da dies alles unnatürlich ist und zunächst von jedem Kind abgelehnt wird, mit Drohung, Belohnung und Strafe. Eine Dressur vom Menschen zum Bürger. Eine Gewaltmaßnahme, die mit Reinlichkeits- und Anstandsregeln begann und mit der Einschulung zur Versklavung führte.

Die Freiheitseinschränkung, in einer Großstadtwohnung eingesperrt zu sein und allenfalls gelegentlich einmal an der Hand der Mutter mit zum Einkaufen zu gehen, dann die Einschulung ins »Kindergefängnis«, stundenlang auf der Bank sitzen zu müssen und unter Androhung von Strafe still zu bleiben und aufzupassen, diese Zucht trifft jeden Menschen zutiefst in seiner Würde, auch wenn er sich dessen nicht bewußt wird. Später kommen noch Leistungsdruck, fortgesetzte Kontrolle und Anfeuerung hinzu: »Was hat der Lehrer gesagt?«, »Was hast du für Noten?« Schließlich kommt noch die Nötigung zur Eile hinzu: »Bist du immer noch nicht fertig«, »Trödle nicht so!«, »Tummel dich ein bißchen!« Man wird bevormundet, gegängelt, gedemütigt, angetrieben, bestraft, bedroht, »erzogen« - wie die Dressur heißt - und man muß schon ein Ausbund an Robustheit und Instinktsicherheit sein, um dabei nicht zutiefst und lebenslänglich geschädigt zu werden, geschädigt in der Fähigkeit, jemals ein glückliches Leben führen zu können.

Als Kind habe ich noch geglaubt, das muß alles so sein, die Eltern und Lehrer sind unfehlbar, es wird schon gut und richtig sein und zum rechten Ziel führen, wenn ich einmal groß bin. Leisten, dulden, entbehren und gehorchen, das alles muß wohl der einzige Weg des Kindes zum herrlichen und freien Dasein der Erwachsenen sein. Aber mein Instinkt war oft dagegen. Manche Kinder laufen davon. Ich war zu vorsichtig, ich erwog die Folgen. Allenfalls ließ ich meiner Empörung in gelegentlichen und höchst berechtigten Frechheiten ihren Lauf, was allerdings statt Befreiung nur Schläge einbrachte. Gerechterweise hätten die Erwachsenen die Prügel beziehen müssen.

Kein gemeinsames Spiel, keine gelöste Fröhlichkeit, selten eine rechte Freude, man sang nicht, es gab wenig Zärtlichkeit, kaum liebevolle Zuwendung, weil ja alle Zeit und Energie dem Götzendienst gewidmet war, den Götzen Leistung, Ansehen und Geld. Jedenfalls wurde mir als Halbwüchsigem klar, daß dieses Klima fürchterlich ist. Alle Menschen erschienen mir nur in drei Gruppen: Vorgesetzte, Konkurrenten und Untergebene. Dennoch lernte ich auch gute Bereiche des Lebens kennen. Durch die alljährliche Sommerfrische, das wirklich Gute, das ich von meinen Eltern erhalten habe, waren mir von Kindheit an das Landleben und das Wandern bekannt. Das war das einzig wahre Leben, alles andere war schlecht. So drängte ich mehr und mehr fort von dem zutiefst gehaßten Zuhause. Jede freie Zeit, alle Ferien ging ich fort auf Spaziergänge, Radfahrten, Bergbesteigungen, freilich auch zu Vorträgen, in Museen, ins Kino und Theater. Mit dem Studium kam endlich die gänzliche Befreiung aus dem elterlichen Haushalt. Mit ein wenig Ferienarbeit konnte ich mir weite Fahrrad- und Zeltreisen finanzieren. Dabei lernte ich äußerste Genügsamkeit, konnte von Haferflocken, Maisbrei und Äpfeln wochenlang prächtig leben und hatte nicht einmal eine Luftmatratze im Zelt. Das machte mir nichts aus. Erst jetzt spürte ich die Menschwerdung. Vorher war ich ein gequältes Dressurtier.

Auf meinen frühen Reisen nach Kampanien und Sizilien erfuhr ich erst, was Menschsein für eine Freude machen kann. Und heute, nachdem ich soviele Menschen kennengelernt habe, bedauere ich sehr, daß es die meisten Menschen bis an ihr Lebensende nicht erfahren. Nie zuvor hatte ich Menschen gesehen, die mitteilsam und fröhlich, gastfreundlich und sangesfroh, lachend und schwatzend, locker, hilfsbereit und liebevoll waren. - Damals vor 20 Jahren. Heute ist die Verderbnis durch den Tourismus, durch Überzivilisation, Industrialisierung und Geld auch dort schon fortgeschritten.

Wenn mir ein alter Mann in einer entlegenen, steppenartigen Landschaft von seinem Käse und Wein anbot und mir antrug, statt im Zelt in seiner Hütte zu schlafen, wenn er mir sein Lager zeigte, einen Strohhaufen neben seinem Maultier, wenn er Zufriedenheit, Ruhe und Wohlbehagen ausstrahlte, dann konnte ich mich der Einsicht unmöglich verschließen, daß Armut in der Natur und ein gesundes Leben durchaus vereinbar sind, ja vielleicht sogar zusammengehören. Oft kam ich aus dem Staunen nicht heraus, wie eng mein Lebenskreis bisher war und welche Weiten des Lebensglücks es gab, von denen ich keine Ahnung hatte.

Ich brauchte keine weiteren Beweise mehr: Das Leben, in das ich hineingezwängt worden war, war vollkommen falsch, Prestige und Geld tragen nur wenig zur Lebensfreude bei. Freiheit, Landleben, völliges Umdenken in den Bewertungen, das schien mir der einzig richtige Weg zu einem glücklichen Leben. Noch nie hatte ich mich zwei Monate lang so wohl gefühlt wie auf diesen Reisen. Und hätte ich eine winzige Rente bekommen, so hätte ich dieses Vagabundenleben weitergeführt und wäre nie wieder heimgekehrt.

Ich brauchte Geld, um das Leben, welches mir von nun an erstrebenswert schien, verwirklichen zu können. Nach dem Studium hatte ich gemeinsam mit meiner damaligen Frau zehn Jahre lang hart gearbeitet und eisern gespart, eine viel zu lange Zeit, wie ich heute einsehe.

Endlich war es so weit: Grundkauf, Kündigung, Hausbau und Obst pflanzen. Trotz Krisen und Lasten war das neue Leben in Freiheit und Natur herrlich: endlich kein Weckergerassel mehr, keine Pflichten, außer den selbstgewählten, keine Termine, kein Telefon, keine Eile. Gemächlichkeit bei allen Unternehmungen. Aber auch nie Langeweile. Ständiger Kontakt mit Wetter, Wald, Wiese, Blumen und Tieren. Hätte ich die richtige Frau gehabt (meine Ehe scheiterte leider) oder auch nur einen passenden Freundeskreis, so wäre ich unter 100 000 Menschen der glücklichste gewesen. Und hätte ich die Erkenntnis von der richtigen Lebensweise früh genug gehabt und mich mit mehr Mut früher von den traditionellen Bahnen losgerissen, dann hätte ich wenigstens zehn Jahre mehr an schönem Leben retten können.

Naturapostel und Geschäftemacher

»Les extrèmes so touchent«
(Die Extreme berühren sich)
Französische Redensart

Ich bin ungerecht, aber mein Gefühl kann nicht anders: Ich weiß, viele möchten anders, glauben sich aber durch alle möglichen Umstände zum unguten Leben gezwungen. Viele wissen es nicht besser. Es belustigt mich nun einmal und reizt mich zum Spott, wenn ich am Badestrand das käsebleiche Büromännchen mit den Zahnstocherbeinchen und dem Kürbisbauch seine eckigen Freiübungen machen sehe und wenn ich im Wald dem Morgenläufer im grellen Streifentrikot mit Vereinsabzeichen und Stollenschuhen begegne. Sie kommen mir wie Hampelmänner vor. Sicherlich es es nicht schlecht, was sie tun, aber viel nützt es auch nicht. Wie wenn der Raucher vor die Tür tritt und einmal tief Luft holt. Lauter Theater: Radwandertag, Fitnessmärsche, Volkswandertage, fünf Minuten Morgengymnastik, der wöchentliche Safttag. Dieselben Leute, die so tapfer herumturnen, lassen sich mit dem Lift auf den Berg befördern, mobilisieren ihr Auto für einen Weg von 500 Metern unter dem Vorwand, so wenig Zeit zu haben und beschaffen sich im Büro einen Stuhl mit Rollen unter den Füßen, damit sie vom Schreibtisch zu den Akten fahren können, während oft die beste Tätigkeit für sie wäre, aufzustehen und umherzugehen. Diese Gesundheitssportler und Safttagstanten machen eine Kur, eine Behandlung. Falsch leben, aber ständig etwas daran reparieren.

Als ob man nicht gleich richtig leben könnte, von früh bis spät natürlich und gesund. Stundenlange Spaziergänge, Bergbesteigungen, leichte kurze Feldarbeiten, nie länger als eine Stunde die gleiche, Müßiggang, Spiel und Unterhaltung, gemischte, natürliche aber spärliche Kost, das bringt die ersehnte Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Gesundheit. Nicht das Gewaltsame, Krampfhafte, Kurze und Eilige. Ich meditiere nicht, mache keine Yogasitzungen, keine Morgengymnastik und keinen Dauerlauf, und die glücklichsten Menschen, die Hirten und Höhlenbewohner, von denen schon die Rede war, kämen sicher nicht auf solche Ideen. Ich lebe gelassen und natürlich: Mit Sonnenaufgang oder mit Abbruch des Vogelkonzertes wache ich auf und bin ausgeruht, oder ich schlafe ausnahmsweise noch ein Stündchen oder zwei. Ich schlafe immer herrlich. Nach dem Aufstehen zieht es mich in den Garten. Ich mache ein paar Schritte im taufeuchten Gras, atme die leichte Morgenluft ein und sehe mir das Wetter an. Die Vögel zwitschern, alles ist friedlich. Ich schreibe einen Sachbericht. Diese Schilderung dient nicht dazu, romantische Sehnsüchte zu wecken. Aber die hier geschilderten »Belanglosigkeiten« sind eine wichtige Voraussetzung für Wohlbefinden und Gesundheit.

Nach der Dusche ein gemütliches Frühstück, ein wenig Arbeit im Garten oder im Haus, ein ausgedehnter Spaziergang. Ich beobachte alles: Ein Igel marschiert auf hohen Beinen unter den Haselbusch, eine Amsel schimpft, weil die Katze herumschleicht, ein Riesenmohn ist aufgegangen und klatscht mit seinem Rot in die grüne Wiese, die Schaufel an der Wand ist über Nacht umgefallen.

Scharlatanerie oder schwärmerische Ahnungslosigkeit ist es, wenn einer verkündet, wie man mit Knoblauch oder Brennesseln wahre Wunder der Gesundheit vollbringen kann. So einfach geht das nicht! Aber eine bequeme Heilslehre findet mehr Anhänger als eine unbequeme.

Es wird beschworen und abergeglaubt und schon geraten die Naturverfechter und Industriefeinde in einen Topf mit Mystikern und Geschäftemachern. Der biologische Landbau, der Gift vermeiden will - sonst nichts! -, ist sehr zu befürworten. Aber sogleich wird er ausstaffiert mit Zeitschriften von Vereinen, mit geheimnisvollen Wurzelkräften, mit einem Magnetismus, über den Menschen, Tiere und Pflanzen miteinander in Verbindung stehen sollen, mit magischen Lebensenergien im Boden und einem Märchenmilieu, wonach die menschliche Phantasie anscheinend lechzt.

Gerade dieser Hokuspokus verhindert die Anerkennung des naturnahen Lebens. Denn wer an nüchternes Denken gewöhnt ist und nur glaubt, was ihm begreiflich gemacht oder bewiesen wurde oder was er selbst erlebt hat, kommt leicht zu dem voreiligen Schluß, die Leute, die zurück zur Natur wollen, seien alles abergläubische Schwärmer, keine Realisten.

Der Rationalismus wird gern angeklagt, Urheber des heutigen Unglücks zu sein. Aber nicht die Aufklärung, die Vernunft, die Wahrheitssuche und die Entmythologisierung der Welt haben uns das »technische und kapitalistische Unheil« beschert, sondern der Mißbrauch der Erkenntnis entweder zur verantwortungslosen Bereicherung oder in gutem Glauben zu schlechten Zwecken. Wenn man weiß, wie Beton gemacht wird, muß man noch lange keine Hochhäuser bauen. Wenn man die Atomspaltung kennt, muß man noch lange keine Atombombe herstellen. Wenn man DDT hat, muß man noch lange nicht damit die Welt vergiften. Man kann trotz aller Wissenschaft und Kenntnis einfach und bescheiden leben, ohne sich zu bereichern oder das Leben und die Welt entscheidend zu verändern. Man muß lediglich wissen, daß das beste Leben das natürliche ist. Keineswegs wäre es gerechtfertigt, als Reaktion auf den Rationalismus eine Spuk-, Zauber-, Ritual- und Mythenwelt an die Stelle der aufgeklärten setzen zu wollen. Denn die irrationalen Weltanschauungen waren und sind verderblich, brachten Kriege, Menschenopfer und Hexenverbrennungen und vor allem naturwidrige Lebensregeln mit sich.

Schließlich darf eine ganz gefährliche Menschengruppe nicht unerwähnt bleiben. Das sind die Geschäftemacher. Kaum hat man die Spritzmittel aus dem Garten verbannt, schon flattern einem Prospekte über natürliche Spritzmittel ins Haus, sündhaft teuer und - angeblich aus Pflanzenextrakten hergestellt. Den Komposthaufen sollen wir nicht etwa den Regenwürmern überlassen. O nein, er soll mit einer besonderen Mikrobenkultur geimpft werden und einen Bretterkäfig für die Durchlüftung bekommen - womöglich aus Teak Holz und dreimal imprägniert, der teurer ist als das Gemüse, das je auf diesem Kompost wächst. Rascheste Kompostierung, maximale Erträge, Spitzenqualitäten, genau das ist das Vokabular, von dem wir uns befreien wollen. Manchmal habe ich den Eindruck, als ob es die gleichen Manager sind, die uns Fortschritt, Industrie, Hektik und Umweltverschandelung beschert haben, wie jene, die jetzt die »grüne Revolution« machen und neuerlich daran verdienen.

Sparsamkeit und Lebenspraxis

Wer einem Menschen einmal helfen will,
der schenkt ihm einen Fisch.
Wer einem Menschen immer helfen will,
der lehrt ihn fischen.
Jüdisches Sprichwort

Durch den Geldmangel in meiner Jugend war mir große Sparsamkeit immer selbstverständlich. Seit ich verdient habe, stand auch schon mein Sparziel fest: Ich will mich später »freikaufen«. So brauchte ich in dieser Hinsicht keinen Gesinnungswandel. Bei den meisten jungen Leuten heute wird es anders sein. Sie sind verwöhnt und glauben, dabei ein glücklicheres Leben zu führen als in Genügsamkeit. Es wäre Sarkasmus um des Effektes wegen, wenn ich behaupten wollte, wir leiden an zu viel Geld. Das ist es nicht, aber wir leiden unter der Arbeit und den Zwängen, dieses nicht sehr nötige Geld zu beschaffen.

Die Genügsamkeit fällt einem, zu Beginn vor allem, solange sie noch nicht selbstverständliche Gewohnheit ist, leichter, wenn man sich bei jeder Einsparung, bei jedem Konsumverzicht sagt, so und so viele Stunde brauche ich jetzt weniger zu arbeiten, kann ich früher mein freies Landleben beginnen. Im unverdorbenen Naturmenschen drosselt schon der Instinkt den Arbeitseifer. Wir hingegen brauchen eine verstandesmäßige Hilfe, um die anerzogenen Arbeitsverherrlichung abzubauen. Viel arbeiten, viel verdienen und wieder ausgeben, ist nicht gescheiter, als Wasser in ein Faß ohne Boden zu schütten. Dennoch huldigt ein Großteil der Bevölkerung diesem Prinzip und kommt sich dabei klüger als die anderen vor. Den halte ich für gescheiter, der wenig Geld verbraucht und dafür das Vorrecht genießt, wenig arbeiten zu müssen. Man kann sich leicht im Verbrauch von Zigaretten, Bier, Fleisch, teurer Fertigkost und Gefrierkost einschränken. Man kann auch Waschpulver und Strom sparen, mäßig heizen, Kleidung, Auto und Wohnung sowie Wohnungseinrichtung billig wählen und so lange benützen, bis diese Dinge unreparabel aufgebraucht sind und sie nicht schon erneuern, wenn Mode oder Werbung dazu verführen. Ein Urlaub im Bayerischen Wald ist in mancher Hinsicht schöner als einer in Tunesien, Rom oder Teneriffa. Man kann am Sparen Freude bekommen. Ich heize auf 19 Grad, ziehe einen warmen Pullover und ganz dicke Socken an, freue mich an der Ersparnis - und bekomme nahezu nie Schnupfen oder Grippe. Dies ist nicht die Freude des Geizkragens, der sich ja nur an der Anhäufung von Vermögen freut, sondern ich verschönere mit Sparsamkeit das Leben: Sparsamkeit erst schenkt uns Freiheit, Gesundheit, Geruhsamkeit und Naturnähe. Ich betrachte Sparen als Sport.

Man kann Gurken in einer elektrischen Küchenmaschine hobeln. Man kann sie aber auch mit dem Messer schneiden oder mit einem Brettchen mit eingesetztem Messer, dem Gurkenhobel. Tut man letzteres nur in dem Gefühl, eine Küchenmaschine ist mir zu teuer, so ist das schlecht. Man muß sich sagen: Die Maschine lärmt, verbraucht Strom, zu dessen Erzeugung Landschaft verschandelt wird und um sie zu bezahlen, müßte man 20 Stunden arbeiten und nach 6 bis 8 Jahren ist sie sowieso unbrauchbar. Darum ist es besser, mit der Hand zu hobeln. Fährt man Rad, nur weil man sich kein Auto leisten kann, so ist das schlecht. Sagt man sich aber, Radfahren ist gesünder, leiser, hübscher in der Landschaft und erspart die furchtbar viele Arbeit, die man für das Auto aufbringen müßte, um es zu verdienen, dann fährt man viel freudiger Rad, dann spart man lieber und leichter. Man kann den Rasen mit dem Rasenmäher oder mit der Sense schneiden, Erbsen aus der Dose nehmen oder dämpfen. Immer wird die sparsamere Arbeit eine ganze Reihe von Vorteilen haben, und derer sollte man sich bewußt werden.

Das einfache Leben ist nicht nur durch Wareneinsparung gekennzeichnet, sondern auch durch Arbeitseinsparung. Den Hausfrauen wurde nicht zuletzt deshalb die Hausarbeit abstoßend, weil sie viel zu viel Unnötiges gearbeitet haben. Man kommt mit halb so viel Geschirr und Besteck aus, Fenster putzen, Staub wischen, Schuhe polieren, aufkehren, Gläser säubern, Wäsche bügeln, Böden wischen... meinetwegen, aber viel, viel seltener! Stattdessen spazieren oder baden gehen, mit Kindern spielen oder in der Sonne liegen, Blumen pflücken, Pilze sammeln oder Freunde besuchen. Dann macht der Haushalt wieder Freude.

Autarkie und Spezialistentum

Wer einen Beruf ergreift, ist verloren.
H.D. Thoreau

Jeder Berufstätige ist heute ein Spezialist und sehr abhängig von Mitmenschen, die er kaum kennt. Das ist noch nicht lange so. Früher waren die meisten, damals noch bäuerlichen Familien weitgehend autark. Nahrungsmittel, Wolle, Textilien, Bauholz, Brennholz, Haus- und Arbeitsgeräte wurden in überaus vielseitiger Beschäftigung auf dem eigenen Hof hergestellt. »Noch bis spät ins 18. Jahrhundert wurden 99% aller Nahrungsmittel der Welt in einem Umkreis erzeugt, den der Verbraucher von seinem Kirchturm oder Minarett her überblicken konnte« (I.Illich: Fortschrittsmythen).

Der Spezialist leistet mehr als der Universialist? Mehr leisten und verdienen ist aber das Idol unserer Zeit, so daß die Nachteile des Spezialistentums übersehen werden. Abgesehen von Gemüts- und Körperschäden durch die Einseitigkeit der Arbeit, lebt der Spezialist - und er mag noch so ein hohes Tier sein - in einer unterschwelligen Angst, allen möglichen Leuten ausgeliefert zu sein. Nicht nur den Vorgesetzten und Untergebenen, sondern auch noch dem Klempner und Elektriker, dem Briefträger und dem Kaufmann, dem Finanzbeamten, Maurer, Kunden und Öllieferanten, dem Automechaniker und dem Schneeräum- und Müllabfuhrdienst. Sogar die Regierungsspitzen sind den Wählern und der Industrie ausgeliefert und viel unfreier als ein kleiner Bauer vor 200 Jahren.

Der heutige Spezialist leidet gleichzeitig an Überheblichkeit und Minderwertigkeitsgefühl. Sein Spezialkönnen überbewertet er und hält jeden Laien dieses Faches für unfähig, auch nur eine Spur von der Sache zu verstehen oder zu können. Umgekehrt hält man sich zu allem unfähig, was man nicht studiert oder gründlich und jahrelang gelernt hat. Ein 14 jähriger Schüler ist universeller und lebenstüchtiger als die meisten Spezialisten auf der Höhe ihrer Laufbahn. Die eingebildete Unfähigkeit führt dazu, daß man sich von Spezialisten mißbrauchen und betrügen läßt. Es wird einem vom Verkäufer etwas »aufgeschwätzt«, vom Beamten etwas »vorgemacht« und vom Arzt etwas »weisgemacht«. Ein halbwüchsiger Schüler traut sich ohne weiteres zu, rechnerich abzuschätzen, ob man mit Heizöl oder Strom billiger heizt. Zur Not schlägt er gewisse Daten nach. Der so intelligente Richter, Arzt oder Musiker hingegen läßt sich von einem Vertreter oder einer Werbebroschüre in einer bestimmten Angelegenheit wehrlos hinters Licht führen. »Das sind ja Wärmetechniker, die werden's schon wissen.« Ebenso, wenn der Wasserhahn tropft. Der moderne Spezialist vertrottelt im gleichen Maß in berufsfremden Dingen, wie er sich in seinem Fach vervollkommnet. Und wenn einer sein Wehwehchen selbst kurieren will, dann wird ihm gar Verantwortungslosigkeit vorgeworfen, denn heilen kann nur der Arzt.

Unsere Gesetzgebung ist gefährlich. Sie fördert Allgemeingeschicklichkeit, Eigeninitiative, Vielseitigkeit, Erfahrenheit und Wendigkeit nur in Einzelfällen, eher unterbindet sie diese sogar durch Strafandrohung. Anlaß hierfür sind die gewerblichen Interessen, denn wenn die Leute zu viel können und selber machen, verlieren die Profis ihre Gewinne. So wird Universalität unter dem verlogenen Vorwand des Sicherheitsbedürfnisses erschwert.

So wie jeder mit ein wenig Information und genügend Bemühung kochen, Brot backen und seine Nahrung selber anbauen kann, so kann jeder fast alles, was zum gesunden, behaglichen Leben nötig ist. Wer nichts kann, kann beinahe schon alles. Der Spezialist versteht sich nur auf weniges.

Wer viel auf Handwerker angewiesen ist, muß viel zahlen. Wenn nur irgend möglich, sollte man seine Möbel selber bauen, für das Obst sorgen und Gemüse aus dem eigenen Garten ernten und vor allem beschädigte Sachen instandsetzen. Ich repariere - mit unsicherem Ausgang - auch schon mal ein Radio, Auto oder einen Trockenrasierer und habe das alles nie gelernt. Was ich speziell für Schule und Beruf systematisch gelernt habe, kann ich fast nicht brauchen. Trotzdem traue ich mir zu, alles zu können, was ich brauche. Freilich kann ich nichts vollkommen. Aber mir genügt meine Fertigkeit. Zum einigermaßen unabhängigen, autarken Leben gehört auch die Bescheidenheit im Anspruch. Selbstgemacht ist besser, auch wenn es kleine Mängel hat. Außerdem sieht es persönlicher und natürlicher aus. Man hat viel Abwechslung und spart eine Menge Geld. Das ganze Lebensgefühl ist gehoben, wenn man sein Essen - von der Erde bis zum Tisch - selbst macht und von Gegenständen aus eigener Hand umgeben ist. Im bäuerlichen Bereich gibt es noch solche Universalgenies, aber sie werden allmählich sehr selten werden, weil alle Arbeit dem Gewinndenken untergeordnet wird.

Mein Landbau ohne Gift

Medizin ist ein Viertel,
gesunder Menschenverstand drei Viertel.
Indisch

Ein paar Bücher über den Anbau von Blumen, Gemüse und Obst waren der Anfang. Dann habe ich meine Wiese umpflügen lassen und mit meiner kleinen Hackmaschine zerkrümelt. Schließlich habe ich Kunstdünger gestreut, trotz aller Abneigung gegen chemische Produkte. Der Boden war krank. Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hatte man gemäht, das Heu abgehobelt und keine Nährstoffe ersetzt, weder Stallmist noch Kompost oder Kunstdünger gegeben. In unserer Abneigung gegen Unnatürliches sollten wir sachlich bleiben und uns vor Vorurteilen und Gefühlsduselei hüten. Trennen wir scharf solche Stoffe, die natürlicherweise im Boden vorkommen oder diesen äußerst ähnlich sind und sich in sie verwandeln von jenen, die nur ein Kunstprodukt des Menschen sind, ihresgleichen in der Natur nicht haben und daher auf die Stoffwechselvorgänge der Lebewesen nicht abgestimmt sind, also nur lebensfeindliche Eigenschaften haben, was ja oft ihr Zweck ist.

Kalkstein ist fast in jedem Boden vorhanden und außerdem beinahe für alle Pflanzen lebensnotwendig. Außerdem reguliert er den Säuregrad des Bodens. Gemahlener Kalkstein ist Düngekalk, ein »Kunst-«Dünger also, der reines Naturprodukt wie das ebenfalls nützliche Gesteinsmehl ist und nicht aus der chemischen Fabrik stammt. Auf eine saure Wiese - »sauer« ergibt die Bodenuntersuchung - oder auf den Acker Düngekalk streuen, ist eine lebensfördernde Maßnahme, die mit Vergiftung nichts zu tun hat. Kali ist ebenfalls ein allgegenwärtiger Bodenbestandteil. Zu wenig davon ist schlecht, zu viel auch. Gegen Kalimangel wäre Jauche am besten. Ich hatte keine und habe schwefelsaures Kali gestreut. Das kann man immer noch als eine leidlich natürliche Maßnahme ansehen. Es stammt aus Salzlagern im Boden, die das Meer dort vor Jahrmillionen erzeugt hat. Eine solche Kalibeigabe reicht für viele Jahre aus, weil sie kaum ausgewaschen wird, so daß man von so einer ganz seltenen, etwas gewaltsamen »Bodenfütterung« keine erhebliche Schädigung der Bodenlebewesen befürchten muß. Genauso steht es mit Phosphatdüngern. Etliche stammen aus natürlichen Minerallagern, von denen einige durch Vogelexkremente zustandegekommen sind. Ein ähnliches Produkt, aber künstlich erzeugt, ist das Thomasmehl, ein Abfallprodukt der Stahlerzeugung. Derlei Kali- und Phosphatdünger sind keine naturwidrigen Stoffe. Ein Großteil unserer Gesteine und Ackerböden, die hauptsächlich zerkleinertes Gestein und Humus (=verwitterte Pflanzen- und Tierreste) sind, bestehen daraus, nur mit dem Unterschied, daß der Boden diese Stoffe in Verbindungen (meist mit Kieselsäure) enthält, die nur spurenweise im Wasser löslich sind und deshalb den Pflanzen nur beschränkt zur Verfügung stehen. Die Pflanzen, die ja nur »trinken« können, lösen mit Saftausscheidungen ihrer Wurzelhaare, ebenso wie Bakterien und andere Mikroben, sehr langsam die mineralische Materie auf und ziehen sie so allmählich in den Stoffwechsel der Lebewesen herein. Wenn wir nun Mineraldünger streuen, helfen wir etwas nach, füttern die Pflanzen also mit dem, was sie sich sowieso aus dem Boden holen, aber dort stellenweise viel zu wenig vorfinden. Im Prinzip ist der Vorgang also nicht anders als wenn wir den Boden bewässern. Vorteile der Naturdünger, von Jauche, Mist, Kompost und Gründüngung sind, daß sie Humus bilden, vielerlei Nährstoffe, viel unterschiedlichere, als die Mineraldünger enthalten, und reich an Mikroben, Würmern, Insekten und anderen Lebewesen sind. Eine gewisse Vorsicht bei der Wahl von Mineraldüngern ist angebracht. Immer sind die langsam wirkenden, schwer löslichen schonender, gefahrloser und deshalb vorzuziehen, zumal sie auch nicht so leicht vom Regen aus dem Boden und in unsere Gewässer gewaschen werden und dadurch auch noch sparsamer sind. So ist zum Beispiel Thomasmehl dem Superphosphat vorzuziehen, Düngekalk dem gelöschten oder gebrannten Kalk. Überdüngung ist ebenso schädlich wie Überfütterung bei Mensch und Tier. Deshalb gehe ich mit Mineraldünger äußerst sparsam um. Selbst mit Jauche ist eine Überdüngung (zu viel Kali) möglich, während man mit Stallmist, Kompost oder Gründüngung so leicht nichts übertreiben kann. Stallmist fehlt mir. Als guter Ersatz dient die Gründüngung. Pflanzen, wie Lupinen, Ölrettich, Raps oder Klee, werden in ausgewachsenem Zustand da, wo sie gewachsen sind, nach dem Mähen einfach liegen gelassen oder eingehackt.

So wurde schließlich aus der gehaltlosen, sauren Wiese ein überaus fruchtbarer Ackerboden, und ich habe mir zunächst einmal für den Eigenbedarf Gemüse, Salat, Gewürze und Kartoffeln angebaut und auf Blumen auch nicht verzichtet. Schließlich habe ich Obstbäumchen gepflanzt, Beerensträucher und Erdbeeren. Jedes Jahr ist es ein langes und freudiges Erlebnis, zu beobachten, wie die Pflanzen aufgehen, sich entwickeln, blühen und fruchten. Jetzt im dreizehnten Jahr meines Landbaues finde ich daran dieselbe Freude wie am Anfang. Aber der Bauer, der mit großen Maschinen Monokulturen anlegt, betätigt sich mehr als Maschinist und hat solche Freude längst eingebüßt.

Wer Neuling ist und erst sein Selbstvertrauen stärken will, sollte sich im ersten Jahr mit den allergenügsamsten Gewächsen begnügen. Ich schlage vor: Salat, Erbsen, Buschbohnen, Radieschen, Schnittlauch, Kartoffeln, Gartenerdbeeren, Salatgurken, Sonnenblumen, Rudbeckia, Klatschmohn, türkischer Riesenmohn, Ringelblume, Kapuzinerkresse und Rittersporn. Dabei kann nicht viel mißlingen.

Leider wird es allen so gehen: Am tüchtigsten unter den Gewächsen ist immer das Unkraut. Da hilft nichts als hacken oder ausrupfen. In neuerer Spezialliteratur findet man auch Hinweise für bestimmte Pflanzenkombinationen und Pflanzenfolgen, die den Unkrautwuchs eindämmen. Chemisch totspritzen ist eine arge Sünde. Die Schonung des Bodens und des Lebens muß einem ins Gefühl übergehen. Es muß einem ebenso weh tun, mit Giften herumzuspritzen, wie sein Baby zu vergiften.

Freilich bleiben unliebsame Überraschungen nicht aus. Mir sind in 800 Metern Höhe am Anfang die Tomaten und Gurken im Oktober erfroren, die Zwiebeln zu klein geblieben, der Schnittlauch verunkrautet und der Hasenbesuch zu viel geworden. Im zweiten Jahr war der Kartoffelkäfer zu Besuch. Es war eine Kleinigkeit, ihn auf der kleinen Fläche für eine Familie abzusammeln. Es wäre den Versuch wert, ihn einmal ungestört gedeihen zu lassen. Ob nicht die Natur ein Regulativ hervorbringen würde? Übrigens ist er viele Jahre lang nicht wieder aufgetreten. Möglicherweise haben sich seine Feinde eingefunden. Meine Stachelbeerbüsche waren im dritten Jahr von kleinen, grünen Raupen (Larven der Stachelbeerblattwespe) befallen, die alle Blätter abgefressen haben und dann auf die roten Johannisbeeren übergesiedelt sind. Die Ernte war hin, aber gespritzt habe ich trotzdem nicht. Ein paar Schubkarren Kompost habe ich unter die Sträucher verteilt, zum Trost sozusagen. Und richtig, die Natur hat sich selber geholfen: Es müssen sich die natürlichen Feinde der Raupen eingefunden haben, ich weiß nicht, wie sie heißen und muß es auch nicht wissen und erforschen. Jedenfalls hat sich das vielzitierte »natürliche Gleichgewicht« wieder eingestellt, und im nächsten Jahr gab es kaum noch Befall, im übernächsten und auch weiterhin eine riesige Ernte. Mit den grünen und schwarzen Blattläusen auf den Obstbäumen ist es mir ähnlich gegangen: Ringelblätter, Kümmerwuchs, ein ganzer Pelz von Läusen, Ameisenscharen. Im Jahr darauf waren die Marienkäfer mit ihren gefräßigen Larven massenhaft zur Stelle. Über 50 habe ich auf einem nicht einmal mannshohen Apfelbäumchen gezählt. Und seither gibt es zwar noch Läuse, aber belanglos wenige, die meisten werden aufgefressen. Es steht ja ein ganzes Heer gegen die Läuse bereit: Schlupfwespen, Ohrenkriecher, Florfliege, Schwebefliege und vor allem Marienkäfer. Ich glaube, es ist gut, daß die Läuse nicht vollständig verschwinden, damit ihre Feinde nämlich nicht abwandern, sondern ständig Wache halten. Hätte ich Chemikalien gespritzt, wären nicht nur alle diese Wächter zugrunde gegangen, sondern auch völlig unbeteiligte Lebewesen, Würmer, Käfer, Mikroben, von denen der Boden voll ist und die für das Gedeihen der Pflanzen wichtig sind. Außerdem würden die Gifte, deren Hauptmenge ja zu Boden fällt, durch die Wurzeln ins Obst gelangen, zum Teil auch durch die Blätter.

Als Nachteil muß ich in Kauf nehmen, daß mir beispielsweise in Regenperioden 10 bis 20% der Erdbeeren verschimmeln, daß jede zwanzigste Kirsche einen »Wurm« (Made der Kirschfruchtfliege) hat oder auf dem Salat kleine Schnecken sitzen, die man erst abwaschen muß. Sind mir etwa Krebs, Darm- und Leberleiden lieber? Die Stare und die Amseln holen sich auch noch 10 bis 20% der Erdbeeren und Kirschen. Sollen sie's haben! Der Boden ist gesund, und »meine« Vögel, von denen mehr als 10 Arten meine zwei Hektar bevölkern, bekommen nur reine Insekten zu fressen. Die Landwirtschaftskammer findet zwar eine giftfreie Landwirtschaft unsinnig und meint vielleicht, ich hätte einen Vogel. Aber sie untertreibt, ich habe hunderte. Und im Teich mitten in der Wiese geht es den Unken, Fröschen, Fischen, Libellen und vielerlei anderem Getier prächtig.

Die Spritzmittel gegen Unkraut und Schädlinge sind nicht nur ein Verbrechen gegen die Gesundheit, sondern im Laufe sehr vieler Jahre läßt der Boden an Fruchtbarkeit nach und die Pflanzen bekommen Krankheiten, weil der Humus schwindet und die Nützlinge vertrieben sind. Die gestörte Harmonie zwischen Erde und Lebewelt stellt sich dann so leicht nicht wieder ein. Bei ungünstigem Klima kann es sogar zur Versteppung oder Erosion kommen, wie die Sahara, einst ein fruchtbares Land, jetzt die größte Wüste, oder die Karstgebirge am Mittelmeer, die einst dicht bewaldet waren, zeigen und wie wir es derzeit in Brasilien und Mexiko erleben, wo kein Tag vergeht, an dem nicht große Ländereien wegen Zerstörung des Bodens aufgegeben werden müssen. - Ja dort... aber bei uns? Wir haben keine Ausweichmöglichkeiten. Wenn es einmal bei uns so weit ist, dann ist es zu spät.

Das beste für Boden und Ertrag bleiben Mist und Kompost. Ich habe keinen Mist und zu wenig Kompost. Also helfe ich mir mit der Wiese aus. Das Gras, zu Haufen zusammengetragen, liefert schon nach einer Überwinterung ausgezeichneten Kompost. Ein wenig mühsam zwar, aber die für die Ernährung einer Familie erforderliche Fläche, die besonders intensiv kultiviert werden muß, ist ja nur einige hundert Quadratmeter groß. Bei meinen Erdbeeren, die ich verkaufe, ist das schon anders. Auf diesen 4000 qm liegen die Reihen 4 Meter auseinander. Das Gras oder das Lupinendickicht auf den Grünstreifen dazwischen wird gemäht und an die Ränder der Erdbeerreihen gerecht. Diese Abdeckung schützt die Erdbeeren vor Schmutz, unterbindet den Unkrautwuchs und verwandelt sich übers Jahr in Kompost. Meine ungespritzten, täglich frischen Erdbeeren finden restlosen Absatz zu höchsten Preisen.

Die Landwirtschaft ringsum ist arm und reich zugleich: Reich an Maschinen, manchmal auch an Gewinn, arm an Inhalt, Qualität, Gesundheit und Schönheit. Liest dies einer meiner Nachbarn, empört wird er sich gegen den »reichen« Gewinn wehren. Aber bitte: Pelzmantel, zweiter Traktor, drei Autos, Geschirrspülmaschine, Farbfernseher, moderne Schuhe, Schnaps, Bier und Zigaretten, kann man das etwa kaufen ohne reichlichen Gewinn?

Wenn ich vor zwanzig Jahren an Kornfeldern vorüberging, leuchteten sie voller Klatschmohn, Kornblumen und Kamillen. Heute sind sie blumenleer und monoton - dank der Chemikalien. Wir brauchen nicht mehr Brot, wir brauchen mehr Freude!

Meine Kleidung

Mach dir nie etwas daraus,
was die Leute sagen,
solange du in deinem Herzen weißt,
was du recht tust
Eleanor Roosevelt

Fast haben es die Leute vergessen, was der Zweck der Kleidung ist: Schutz vor der Witterung. Seit Kleidung zum Ziergegenstand, Prestigeobjekt und Modeartikel umbewertet wurde, ist es mit deren Zweckmäßigkeit und Sparsamkeit vorbei.

Es ist halt Geschmackssache und schaden tut es keinem: einen abgestoßenen Hemdkragen, durchgewetzte Ellenbogenärmel, runzelige Schuhe oder eine nicht blütenweiße oder schneeweiße, sondern nur kalkweiße Wäsche zu tragen.

Ich trage meistens Anzüge, die Verwandte abgelegt haben, weil sie aus der Mode gekommen sind. Meine Pullover sind geflickt und die Unterwäsche darf ruhig Löcher haben. Ich trage oft eine dunkelgrüne Strickmütze und Bergschuhe. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, daß mir aus dieser Kleidung ein Nachteil entsteht.

Die Perfektion einer gepflegten Bügelfalte, wie wäre es übrigens, diese einmal rechts und links statt hinten und vorne zu tragen, ihr Modeschöpfer, wäre da nicht ein Geschäft zu machen? Die Perfektion einer Krawatte, eines Ziertaschentuches in der Brusttasche oder eines »todschicken« Hutes, alles neu und teuer, die ist nichts als dumme Mode, genährt vom Prestigedenken und von Geschäftemachern, aber auch von der Diktatur »man muß...«. Je vollendeter und eleganter die Kleidung, um so wohlhabender und gesellschaftlich höherstehend, also tüchtiger und gescheiter der, der darin steckt. »Kleider machen Leute,« nämlich angesehene.

Ansätze zur einfachen Kleidung gibt es in der Jeans-Mode und im Safari-Look. Widersinnig wird diese vorgetäuschte Naturnähe allerdings, wenn eine Hose mit von vornherein aufgesetztem Fleck und künstlich ausgefransten Rändern den Preis eines teuren Modeartikels hat. Man läßt sich das ärmliche Aussehen etwas kosten, ohne zu bedenken, daß dieses nicht das Ziel, sondern die Folge einfachen Lebens ist.

Am Hafen von Piräus lagert meist eine Menge junger Leute, Ferienreisende, die das verstanden haben. Sie haben eine sehr einfache Lebensweise und bequeme, zweckmäßige Kleidung, in der sie sich wohl fühlen und die nicht viel kostet.

Die Kleidung auf dem Lande sollte nicht nur unempfindlich und dauerhaft sein, sondern im Winter auch besonders warm. Es wäre nicht nur verschwenderisch, sondern auch ungesund, bei dünner Bekleidung stark zu heizen. Wer seine Kleidung selber näht und strickt, wird den Kaufleuten und Snobs nicht gefallen. Aber das braucht man ja auch nicht. Und daß dabei der Sexappeal zu kurz käme, braucht man nicht zu fürchten. Denken wir nur an Sophia Loren, wenn sie eine Fischverkäuferin, Schmugglerin oder Hure in einem Armenviertel darstellte. Auch wer nicht so prächtig geraten ist wie sie, wird durch ungezwungene Natürlichkeit in der einfachsten Kleidung anziehend wirken.

Ein Schuh, mit dem man nicht durch Wald und Wiesen und um die Wette laufen kann, ist ein schlechter Schuh. Er gehört nicht aufs Land.

Meine Wohnung

Ich besitze dieses schlecht konstruierte Fünfzig-Dollar-Haus im Jersey-Sumpf. Sehr wenige Menschen besitzen ihr Heim in so hohem Maße wie ich das meine. Meistens besitzt das Heim sie.
Prentice Mulford

wohnung.jpg
Natürliche Einfachheit im Haus von Gerhard Schönauer

Der Wiener Psychiater Erwin Riegel hat als die wichtigsten Wohnbedürfnisse des Menschen folgende herausgestellt: Geborgenheit, Ungestörtheit, Kommunikationsmöglichkeit und Naturnähe. Er fand außerdem, daß in hohen Häusern die Neurotisierung seiner Patienten mit der Höhe des Wohnstockwerkes zunimmt.

Während meiner Studienjahre mußte ich zehnmal das Zimmer wechseln. Neunmal fand ich es nicht zum Aushalten. Zuerst war der Straßenlärm zu groß. Im zweiten Quartier wurde im Nebenzimmer jeden Abend ein Mädchen verprügelt. Im dritten Quartier störte sich die Vermieterin daran, daß ich im Gartenschuppen zwei Fahrräder untergestellt hatte. Die vierte Wirtin war untröstlich darüber, daß ich das Federbett geöffnet, fünf Naphthalinkugeln daraus entfernt und die Naht wieder verschlossen hatte. Darauf war sie nur gekommen, weil es unerhörterweise nicht mehr nach Mottenkugeln roch. Im nächsten Stübchen dröhnte durch den Fußboden das Radio bis Mitternacht. Dann gab es ein Quartier, in welchem immer meine Sachen untersucht wurden, von der Unterhose bis zum Sparbuch. Und so flüchtete ich noch einige Male. Die vorletzte Unterkunft fand ich in einem sehr »gebildeten Haus«. Die höhere Tochter war dermaßen musikalisch, daß mir nicht einmal Ohrenwatte half. Hinaus aus der Stadt! Endlich in Gerbrunn, sechs Kilometer außerhalb der Stadt, wo kleine Häuser verstreut stehen und die Hühner herumspazieren, wo sich hinter den Häusern auf sandigen Hügeln große Kirschbaumpflanzungen ausdehnen, durch die ich gerne einen Spaziergang machte, wenn mir der Kopf vom vielen Lernen brummte, da fand ich schließlich meine Ruhe. Von meinen Spaziergängen brachte ich oft Akazienblüten und Feldblumen mit nach Hause, die ich gelegentlich meiner Freundin nach Würzburg mitnahm.

Geborgenheit, Ungestörtheit und Naturnähe hatte ich hier. An Kommunikationsmöglichkeiten aber fehlte es, weil keine ähnlich gesinnten Nachbarn hier wohnten. Und so wurde mir allmählich klar, wie man am besten wohnen sollte: In einem kleinen Häuschen auf einem stillen Fleck auf dem Lande, wo es Nachbarn gibt, mit denen man sich anfreunden kann, am besten solche, die sich in ähnlicher Absicht angesiedelt haben.

Ich verzichte gern auf die Müllabfuhr. Meinen Abfall, Küchenabfälle und Papier, mache ich zu Kompost. Plastik, Zeitungen und Flaschen bringe ich von Zeit zu Zeit zum Recycling. Ich verzichte auf das öffentliche Schneeräumen bis vor die Tür. Statt der Kanalisation habe ich eine Senkgrube. Auf Strom habe ich zwar nicht verzichtet. Aber wäre die Zuleitung zu teuer gewesen, so hätte ich mich mit Flaschengas beholfen. Damit kann man auch Kühlgeräte betreiben. Petroleumlampen sind sehr gemütlich. Gaslampen sind heller.

Von meiner Wohnung aus schaue ich auf Wiesen, Wald, Berge und meinen Garten, statt auf Häuser und Straßen, Plakate und Autos. Meine Wohnung ist wie ein Nest oder Fuchsbau: Natur in der Natur. Aber in der Stadt ist eine Wohnung eine - wenn auch unzureichende - Verschanzung vor der feindlichen Umwelt.

In der kümmerlichsten Hütte im Grünen würden die meisten Menschen eher froh als in der luxuriösesten Wohnmaschine einer Großstadt. Auf das meiste, was an einer Wohnungseinrichtung teuer ist, kann man leicht verzichten. Einfache, selbstgezimmerte Möbel sind am besten. Statt teurer Teppiche genügen Kokosfaserbeläge. Die Türen brauchen keine Schlösser und Öffner. Ein knopfartiger Holzgriff und Magnetverschluß ist schlichter und sparsamer. Lampenschirme aus Draht mit Papier- oder Stoffbezug oder Weidengeflecht macht man sich selber. Ist das Geld sehr knapp, so kann man sich auch mit einem Plumpsklo begnügen.

Am wichtigsten ist mir noch das Bad. Eine Wasserleitung sollte man schon haben. Wenn man sich dann einen Badeofen für Holz oder Flaschengas und eine Badewanne aufstellt, so kostet das nicht viel . Und auf Kacheln, Toilettentischchen und Solarium kann man gut verzichten. Für die Handtücher genügen Nägel an der Wand. Was mir aber besonders gefällt, ist der Ausblick von der Badewanne durch das Fenster auf Wald, Berge und Wolken.

Die Wohnung soll mich nicht von der Natur ausschließen. Es geht ohne Stufe ebenerdig ins Freie. Die Wohnung ist ein »erweiterter Regenschirm«.

Der widersetzliche Staat

Wessen Regierung recht zurückhaltend, dessen Volk kommt recht empor;
Wessen Regierung recht durchspähend, dessen Volk verfällt erst recht.
Lao-Tse

Der Souverän ist das Volk. Es setzt die Regierung ein. Die Regierung hat den Wählerwillen zu erfüllen - sollte man glauben. Aber das ist so lange her, daß es die meisten Regierungen vergessen haben. Die meisten Völker werden gegen ihren eigenen Willen regiert. Der Staat ist gegen die Rückkehr zum einfachen Landleben. Der Staat will Industrie, Reichtum, Fortschritt, Konsum, Superbauten, Superstraßen und Supermänner (viele Untertanen wollen das auch, weil der Staat ihnen das eingeredet hat). Also gibt es Städte, Machtkonzentration und Geschlossenheit der Siedlungen. Schon deshalb, weil die Machthaber selber alles eher als bescheidene Selbstversorger, sondern Großverdiener und Fortschrittswahnsinnige sind. Sie wollen die Welt nach ihrem eigenen Bild gestalten - und so sieht sie auch aus.

Wir, die wir eine andere Welt wollen, haben es daher nicht leicht. Vor allem macht man uns bei der Grundbeschaffung und Baubewilligung Schwierigkeiten. Aber je mehr wir sind, je größer der Zug zum Land, zur Genügsamkeit, zur Freiheit, zur Selbstbestimmung und Selbstversorgung, um so eher wird man sich an der Spitze der Staaten der besseren Einsicht beugen müssen. Aber bis es so weit ist, hat jeder einzelne nur dann Aussicht, seine Lebensvorstellungen zu verwirklichen, wenn er bis zur Erteilung der Baubewilligung sehr hartnäckig ist.

Solange die Baubehörden gräßliche, krankmachende Betonhochhäuser, also Selbstmördertürme, bewilligen und fördern, aber nette, landschaftsgemäße, unaufdringliche, kleine Häuschen auf der Wiese und am Waldesrand verbietet, solange hat unsere Obrigkeit noch nichts begriffen. Das schließt jedoch nicht aus, daß sie einmal begreifen wird, weil sie muß. Auf die Dauer kann sich ein System, und sei es noch so selbstherrlich, den wichtigsten Bedürfnissen des Volkes nicht widersetzen.

Selber machen

Den Menschen, der seine Lust im Gebrauch des konvivalen Werkzeugs findet, den nenne ich nüchtern und zurückhaltend. Er kennt das, was im Spanischen la conviviencia heißt, er nimmt Anteil am Mitmenschen. Denn die nüchterne Zurückhaltung hat nichts mit Isolation, Rückzug auf sich selbst, oder gar Fantasielosigkeit zu tun.
Ivan Illich

haus.jpg
Das selbstgebaute Eigenheim des Verfassers

Das Schiller-Zitat von der Axt im Haus wage ich nicht zu nennen, denn wenn eine Wahrheit gar zu selbstverständlich ist und in aller Munde geführt wird, wirft man ihr vor, sie sei banal.

In den letzten 10 bis 20 Jahren hat sich der Ruf des Do-it-yourself wesentlich gebessert, während es früher eine lieber verschwiegene Notwendigkeit der armen Leute war.

Inzwischen sind handwerkliche Tätigkeiten gegenüber der zermürbenden Routinearbeit in Büro und Fabrik beliebter geworden und genießen ein romantisch geadeltes Ansehen. Außerdem kommt der natürliche Spiel- und manuelle Schaffensdrang bei den Leuten hervor, die den Tag lang herumsitzen oder -fahren, so daß es für die Geschäftsleute nicht mehr schwer war, hier eine einträgliche Branche aufzuziehen, die es zuvor noch nie gegeben hat.

Für die meisten Bastler ist das Heimwerken allerdings zuweilen eine teure Spielerei. Selber gemacht kann teurer sein als fertig gekauft. Auch ein selbstgestrickter Pullover kann teurer sein als ein fertig gekaufter, wenn man die Wolle kaufen muß. Säuberlich ausgesuchte, geschliffene Bretter sind teuer. Fangen wir lieber auf primitiver Stufe an. Rohe Bretter aus dem Sägewerk, Schrauben, Nägel und Leim, das ist genug, um eine ganze Wohnung einzurichten.

Das Basteln und Handwerken wird dann zur großen Ersparnis, wenn wir sehr konsequent alles, was uns möglich erscheint, selber machen. Als Landbewohner haben wir im Winter lange dazu Zeit. Auch ist es sehr reizvoll, wenn sich die Wohnung erst nach und nach organisch wachsend füllt, reich an persönlichen Merkmalen. Bastelbücher als Anleitung gibt es so viele wie Kochbücher. Man hüte sich aber vor Perfektion. Anleitungen, wie man seine Kleidung selber macht, gibt es auch in jeder Buchhandlung. Ebenso Gartenbücher für den Landbau. Sehr vielseitig, allerdings nur unterschiedlich gründlich, ist Das große Buch vom Leben auf dem Lande von John Seymour. Es bietet einen anregenden Überblick über das, was es so alles gibt an Arbeiten auf dem Lande, wichtige und auch sehr unwichtige. Aber es reicht keinesfalls als Arbeitsanleitung aus. Vor allem für den Hausbau und die Installation braucht man genauere Vorschriften oder erfahrene Freunde.

Wer meinen Bericht immer noch nicht weggelegt hat, gehört wohl zu den Menschen, die mehr Freude daran haben, an langen Wintertagen Kleider, Hosen, Hemden, Teppiche und Pullover zu fertigen, Wandregale, Tische, Lampenschirme, Bänke und Betten zu bauen, ihre Schuhe zu besohlen und Sitzpolster zu nähen, als Fernsehkrimis und Sportberichte zu »beglotzen«. Wer seine Sachen gern selber macht und darin nicht nur ein notwendiges Übel sieht, wird sich leicht damit abfinden, daß nicht alles so exakt wie aus der Fabrik aussieht. Dafür hat man es in der Hand, alles sehr robust herzustellen. Die Nähte halten länger, die Verbindungen wackeln nicht. Ich habe Jahrzehnte in knarrenden Betten geschlafen; erst mein selbstgebautes ist nun schon seit elf Jahren mäuschenstill und dabei ganz einfach: Die vier Seitenteile aus zweischichtig verleimten Lärchenbrettern sind an den vier Ecken über 6 x 6 cm Kanthölzer, die gleichzeitig die Bettfüße sind, miteinander verschraubt, und zwar mit großen Schrauben mit Muttern, so daß die Verbindungen sehr stramm angezogen werden können. Als Betteinsatz dienen rohe Bretter, die auf an die Seitenteile geleimten Latten aufliegen und mit Packpapier abgedeckt sind. So einfach ist das beste Bett, in dem ich je geschlafen habe. Es kostet 4 Quadratmeter rohe Bretter, 8 Schrauben mit Muttern und Unterlegscheiben und ein bis zwei Tage Arbeit, je nach Feinheit und Ausführung. Haltbarkeit: Garantiert 100 Jahre, ohne zu knarren oder zu wackeln.

Wenn ich aber anfinge, meine Arbeitszeit mit Geld gleichzusetzen dann sähe die ganze Sache unwirtschaftlich aus: 15 Stunden, das wäre ohne Matratze ein zu teures Bett. Doch weil ich die fünfzehn Stunden frei und auf dem Lande habe werken können, statt sie in einer Stadt in abhängiger, vielleicht in eiliger oder angespannter und nervös machender Tätigkeit mit allerhand Spesen und Nebenlasten, wie Fahrerei, zu verbringen, ist es ein ideeller Vorteil, der mit Geld nicht zu bewerten ist. Selber machen macht frei. Es zählt auch, daß man viel, viel dabei lernt.

Grenzen der Autarkie

»Small is beautiful«
E.F. Schumacher

Ich wollte Hunderte Quadratmeter Bretter für Fußböden, Türen und Möbel selber hobeln. Mit dem Handhobel dauert das viele hundert Stunden. Eine Hobelmaschine ist teuer, gefährlich und unheimlich laut. Schließlich habe ich vorgezogen, die Bretter beim Tischler maschinell hobeln zu lassen.

In alten Zeit hat man ein halbes Leben lang an einem Haus gebaut. Heute ist der Mensch entwurzelt. Wir fühlen uns in der Stadt fremd und heimatlos und sehnen uns nach einem »Nest«. Deshalb dauern uns viele Arbeiten zu lang, weshalb wir uns nicht darauf versteifen sollten, grundsätzlich alles selbst machen zu wollen. Natürlich hätte es seine Robinson-Romantik, wenn man Rinderhaut gerbt und sich daraus urwüchsige Schuhe näht, wenn man seine Dachschindeln selber spaltet und das Getreide mit der Handmühle mahlt. Dann aber haben wir täglich zwölf Stunden Arbeit. Am Anfang ist das sehr spannend und befriedigend. Aber bald macht sich der instinktive, angeborene Arbeitswiderwille breit, wie ich ihn im Kapitel »Wenn Arbeit Laster wird« schildern werde. Wollen wir fürs erste nicht in die völlige Primitivität zurück, weil uns ein so großer Schritt schwer fällt, dann wird es am besten sein, auch bei der Arbeit und der Autarkie einen Kompromiß zu schließen und in den Bereichen, wo der eigene Aufwand ein übermäßig großer wäre, uns der Spezialisten und der Industrieproduktion zu bedienen.

Ich säge Bäume ab, ich entaste und entrinde sie, aber ich schneide keine Bretter daraus. Das überlasse ich dem Sägewerk. Ich besohle mir meine Schuhe selber. Das lohnt sich, bedarf nur billiger Werkzeuge und freut mich. Und wenn bei meinen Bergschuhen eine Naht aufgeht, so habe ich als die einfachste und haltbarste Reparatur herausgefunden, sie mit kleinen Sattlernieten wieder instandzusetzen. Trotzdem gehe ich nicht so weit, mir Schuhe von Grund auf selber zu machen, was bei Kleidern recht leicht, wirtschaftlich und unterhaltsam wäre.

Draht, Fensterglas, Nägel und Schrauben, die meisten Werkzeuge und ein Auto oder Fahrrad kann man sich beim besten Willen nicht selber machen. Blumentöpfe hingegen könnte man sich selber formen und brennen, doch sind sie so billig, daß ich mir die Arbeit lieber spare.

Wenn ich unschlüssig bin, ob ich eine Sache selbst machen oder kaufen soll, dann überschlage ich, wieviel Zeit sie mich kosten würde und was ich dafür bezahlen müßte. So brauchte ich zum Beispiel für meine beiden Treppen vier dicke Balken von fünf Metern Länge. Damit es keine Verdrehungen und Risse gibt, sollten die Balken aus sechs Bretterlagen verleimt hergestellt werden. Jeder Balken bekam für jede Stufe einen tiefen Dreieickseinschnitt. Ich habe die Balken selber gemacht und für jeden Balken eine Woche, also etwa 50 Stunden gebraucht. Damit habe ich etwa DM 25,- in jeder Arbeitsstunde eingespart.

Wenn ich mir Brot backe, fünf Kilo in einem, so kostet mich das zwei Stunden Arbeit. An einem Kilo spare ich etwa 1 DM. Früher habe ich gebacken, aber da ich sehr wenig Brot esse, bin ich davon abgekommen.

Solange man unsicher ist, was man kaufen und was man selber machen soll, kann man bei jeder Aufgabe prüfen, wie lange es dauern würde, wenn man sie selber bewältigt. Man legt nach den persönlichen Verhältnissen einen Betrag fest, den die Arbeitsstunde wert ist, zieht vielleicht noch in Erwägung, wie angenehm oder unangenehm die betreffende Arbeit ist und fällt danach die Entscheidung. Diese Haltung ist keineswegs naturnah und angenehm und soll auch nur ein Übergang vor allem in der Hausbau- und Aufbauzeit sein. Ist schließlich alles eingefahren und kann man sich - von einigen Reparaturen abgesehen - endlich darauf beschränken, nur das herzustellen, was man laufend verbraucht, dann kann man getrost die Rechnerei wieder vergessen und wird sich an ein gewisses Gleichmaß von einigen Verrichtungen und ein wenig Einkauf gewöhnen. Wer alles selber machen will, wie etwa Bier brauen, Brot backen, Käse zubereiten, Töpfern, Spinnen, Weben, Fässer bauen, Sauerkraut einlegen, Methangas aus Viehmist herstellen, Öl pressen, Honig, Leder, Seife und Ziegelsteine gewinnen, der hat zwar die Beruhigung, auch die schlimmsten Krisen überstehen zu können, ohne Mangel zu leiden, doch wird er bald die Lust an der zu umfangreichen Arbeit verlieren.

Im Zweifelsfalle würde ich die Genügsamkeit, den Verzicht vorziehen. Könnte ich mir kein Bier kaufen, würde ich lieber Wasser trinken, statt selber Bier zu brauen. Kommt darauf an, wie fleißig man ist. Ich bin jedenfalls eher faul, aber ich bin es gern.

Der grüne Perfektionismus

Über das Ziel hinausschießen ist ebenso schlimm wie nicht ans Ziel kommen.
Konfuzius

In vielen Köpfen spukt der Wunschtraum einer »Alternative« nach Art des Schlaraffenlandes, die uns Komfort und Konsum ebenso beschert wie die moderne Technik, nur eben mit vermeintlich gesunden, umweltfreundlichen Mitteln. Diese Leute wollen keine Umkehr zur Natur und Einfachheit, sondern sie wollen Fortschritt und Technik, nur eben in ihrer Geschmacksrichtung, das heißt ohne Schädigung der Natur. Sie wollen Üppigkeit nach neuen Methoden. Auch sie sind Wissenschaftler, Techniker und Manager, nur eben grün verkleidet. Ich halte diese Richtung für besser als die umweltfeindliche der heutigen Mächte, aber dennoch für verfehlt.

Es tut uns nämlich gut, Brennholz zu sammeln und zu hacken. Es tut uns auch gut, schwach zu heizen und uns im Winter sehr warm anzuziehen. Es tut uns auch gut, Schnee zu schaufeln und nur wenig zu essen, gesundes Wasser oder Säfte statt Bier zu trinken und nicht zu rauchen. Das Schlaraffenland macht krank. Selbst wenn es uns gelänge, durch eine glänzende, umweltfreundliche Erfindung unser Heim sehr billig und mühelos auf 25 Grad zu beheizen, so wäre es gefährlich. Wir würden unter Bewegungsmangel und Erkältungen leiden. Eine breitere Untersuchung über Erkrankungen auf Überseeschiffen hat ergeben, daß die Erkältungen auf klimatisierten Schiffen etwa doppelt so häufig auftreten wie auf nicht-klimatisierten. 1978 hat der Kommandant eines Winterlagers des österreichischen Bundesheeres in Zelten den Gesundheitszustand seiner Truppe als erheblich besser als in den Kasernen bezeichnet. Wenn die Techniker es zustände brächten, uns veilchenduftende, lautlose und sehr billige, aber dennoch schnelle Elektroautos zu bescheren, dann wären wir vielleicht nicht besser dran als jetzt: denn dann ginge vielleicht überhaupt kein Mensch mehr zu Fuß.

Mich kümmern nicht die sündhaft teuren Wärmepumpen für den Kleinverbraucher, die winterlahmen Sonnenkollektoren, häßlichen Windräder, wie wir sie in jeder Ecke unseres Gartens aufstellen und die schwimmenden Wasserräder mit Kleinstkraftwerken, die in jeden Bach gehängt werden sollen, nur damit unser aufgeblasener Komfort weiter ins Kraut schießen kann. Sondern mir sind lieber das Wollzeug der Großeltern und wärmende Pluderhosen, auch wenn das weniger »sexappealing« ist. Pflanzen wir doch einen Waldstreifen an den Nordrand unseres Grundstückes, sofern es groß genug ist. Holz ist ein vorzüglicher Brennstoff und wächst von selbst nach.

Sparen wir mit Strom, dann brauchen wir nicht die herrlichen Alpentäler mit Straßen und Kraftwerken zu verschandeln. Schlagen wir die Eier ruhig mit dem Schneebesen und hobeln wir die Gurken mit der Hand. Was brauche ich eine Kaffeemaschine, wenn ich den Kaffee einfach durch ein Teesieb gießen kann? Ich habe kein Telefon, schreibe dafür aber oft Briefe. Wenn etwas eilig ist, dann gehe ich eben zur Fernsprechzelle. Wenn wir viel Fahrrad fahren und zu Fuß gehen, können wir das Auto immer noch für große Fahrten verwenden.

Ist es nicht grüner Perfektionismus, wenn ein Kleinbetrieb aus seinem Stallmist Methangas herstellen soll? Ist als Drahtzieher nicht doch wieder die Industrie im Hintergrund am Werk, die uns Anlagen aufstellen will, die sich nie amortisieren und deren Herstellung mehr Energie verschlingt, als mit dem Apparat je zu gewinnen ist? Eine Kuh liefert auf diese Weise im Jahr 70 Kubikmeter Methangas mit dem gleichen Heizwert wie 120 Kilo trockenes Brennholz, aber nur, wenn ihr ganzer Mist eingesetzt wird. Trägt man die Kuhfladen nicht von der Wiese nach Hause, erhält man entsprechend weniger. Lieber würde ich einmal im Jahr 120 Kilo Brennholz kaufen oder umsonst im Wald sammeln oder auf dem eigenen Gelände wachsen lassen und schlagen, als mehrere Bottiche mit Rührwerk und Rohrverbindungen, mit Ventilen, Isolierungen und Sicherheitsvorkehrungen gegen Explosion aufzubauen, die nach wenigen Jahren womöglich durchgerostet sind und täglich betreut werden müssen. Wem die technisch-chemische Spielerei Spaß macht und wer die 500 DM oder mehr dafür investieren will - wobei man allein schon von den Zinsen des Einsatzes doppelt soviel Brennstoff kaufen kann, als der Apparat produziert - bitte. Aber zum glücklichen Landleben brauche ich so ein Gaswerk nicht.

Einfacher und billiger

Der Genügsame ist reich
Lao-Tse

Damit ich mich wohl fühle, brauche ich nicht mehr Kraftwerke, Straßen und Güter. Ich schalte die Kochplatte schon 5 Minuten vor dem Fertiggaren aus. Meinen Kühlschrank und meine Gefriertruhe habe ich in Isolierplatten aus Porozell eingepackt. So dringt weniger Wärme in die Kühlgeräte, die Kühlaggregate brauchen nur seltener zu arbeiten, verbrauchen weniger Strom und halten länger. Ich brauche weder ständig neue Kleidung noch neue Schuhe. Mir gefallen auch noch getragene Sachen.

Der Geldmangel ist für die meisten Leute wahrscheinlich das große Hemmnis (oder für andere nach der Prestigeeinbuße das zweitgrößte), aufs Land zu ziehen. Immer wieder höre ich die Städter vom Landleben, das sie vom Urlaub her kennen, schwärmen, aber betrübt resignieren: Da kann ich ja fast nichts verdienen. Doch bin ich überzeugt, wenn jeder Städter zum achtzehnten Geburtstag von der Öffentlichkeit einen halben Hektar Ackerland und ein Häuschen geschenkt und eine Rente von 1000 DM im Monat bekäme, dann wären die Städte innerhalb einer Generation zu wenigstens drei Vierteln entvölkert. Da es zwar Land, nicht aber diese Rente gibt, bleibt kein anderer Ersatz für uns übrig als ein wenig Arbeit, nämlich gerade genug für die Selbstversorgung, und ein wenig Arbeit für den Zuerwerb. Den meisten unserer Großeltern und Urgroßeltern waren Genügsamkeit und Sparsamkeit selbstverständlich, weil man damals im allgemeinen trotz aller Mühe nur so wenig verdienen konnte, daß man für ein großzügigeres Leben, wie es heute Brauch ist, kein Geld hatte. Heute sind wir verwöhnt. In den Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit von Konrad Lorenz heißt es zutreffend: »Die bescheidenste Hausgehilfin würde sofort empört revoltieren, böte man ihr ein Zimmer mit Heizung, der Beleuchtung sowie der Schlaf- und Waschgelegenheiten an, die der Geheimrat von Goethe oder selbst der Herzogin Anna Amalie von Weimar durchaus ausreichend erschienen.«

Nun haben wir sie: Bequemlichkeit, Luxus und gute Verdienstmöglichkeiten. Aber für welches Opfer! In Büros und Fabriken, Labors und auf den Straßen, in Gehetztheit, Sklaverei und Angst. Jeder hat die Wahl: Diese Arbeit - und andere gibt es nur höchst selten - und diesen Lohn, oder Freiheit und keine Bezahlung. Doch auch wer das letztere wählt, kommt an einigen harten Aufbaujahren nicht vorbei. Wer nun die Freiheit vorzieht, kommt nur mit großer Sparsamkeit zurecht. Alle möglichen Versuchungen machen sie uns schwer. Zentralheizung, Berglift, Auto, Rollenstühle, Waschmaschine, Staubsauger, automatische Küchengeräte und hunderterlei Maschinen für die Warenproduktion und Landwirtschaft, eine Riesenauswahl zum Essen, zum Kleiden, für Sport, Wohnung und Unterhaltung. Sie verführen uns alle, sich ihrer viel zu bedienen. Das hat vor allem zwei schreckliche Folgen: Erstens verhindert das die Sparsamkeit, so daß wir uns in die ewige Abhängigkeit vom Geldverdienen begeben, und zweitens werden Wohlbefinden und Gesundheit durch den Überverbrauch geschädigt.

Verschwendung soll Spaß machen? Ich finde, Sparen macht Spaß. Ich brauche keine Papiertaschentücher. Aus zerrissenen Hemden und Betttüchern schneide ich mir Taschentücher und säume sie ein. Ich habe seit 20 Jahren eine Nähmaschine, mit der ich schon zwei Zelte genäht habe und drei Rucksäcke. Auch viele Flick- und Änderungsarbeiten sind mir damit gelungen.

Ich spare mit Vergnügen: Mit 14 Jahren erhielt ich eine Taschenuhr zum Geschenk. Bis dahin hatte ich keine Uhr. Sie wurde zweimal repariert. Bis heute habe ich keinen Anlaß gehabt, mir eine neue Uhr zu kaufen. Eine Uhr ist für mich kein Zier- oder Modegegenstand und kein Wohlstands-, sondern lediglich ein Zeitanzeiger.

Überflüssiges zu vermeiden, das freut mich. Ob es sich dabei um Sachen oder um Arbeiten handelt, es ist dasselbe. Ich betrachte es als Sport.

Es kommt vor, daß ich Staub sauge. Die vollen Papierbeutel, die 1,30 DM kosten, werfe ich nicht weg, sondern sammle sie, bis ich eine Schachtel voll beisammen habe. Dann schüttle ich sie - am besten in der Badehose - im Garten auf den Kompost und habe mir zum Beispiel in 10 Minuten 13 DM erspart.

Mit Recht ärgern wir uns über die Verschwendung, die mit öffentlichen Geldern getrieben wird, über Dienstautos und Repräsentationsaufwendungen, über luxuriöse Gemeindeämter und Bankfilialen, über Verwaltungspaläste und Skulpturen, die unsere Plätze und Autobahnen verschönern sollen, über kostspielig gedruckte, großformatige Briefmarken, über öffentliche Beleuchtung für drei Häuser. Mit Recht beklagen wir uns über die Verschwendung, mit der statistische Ämter ein Heer von Angestellten beschäftigen, um die Bevölkerung mit Fragebögen zu belästigen und Archive mit Erhebungen über Zimmerpflanzen, exotische Haustiere und Schlafgewohnheiten vollzupacken. Wohlgemerkt: vollklimatisierte Archive mit einbrennlackierten Stahlschränken und Rollenschubladen, Sicherheitsschlössern und angeschlossenem Computer nebst Feuerwarnanlage und Sprenklern. Sicher beklagen wir all das mit Recht. Mag sein, daß wir die Verschwendung auf politischem Wege, wenn es wider Erwarten einmal eine gute Partei geben sollte, bremsen können. Doch das kann lange dauern. Bei uns selbst können wir aber heute anfangen.

Ich brauche 2 Seifen im Jahr und nur wenige Tuben Zahnpasta, die billigste. Ich habe noch nicht beobachten können, daß die teuerste besser wirkt als die billigste. Mag sein, daß es genauso gut für die Zähne ist, sie nur mit Wasser zu putzen, ich weiß es nicht. Eine elektrische Zahnbürste habe ich jedenfalls ein halbes Jahr lang benutzt, bis ich festgestellt habe, daß sie nichts taugt: Ich habe nämlich ein gleichmäßiges, glattes Brettchen mit Heidelbeeren eingerieben und sodann die eine Hälfte eine Minute lang mit der elektrischen Zahnbürste, die andere mit der Handbürste und leichtem Beträufeln mit Wasser gebürstet. Die handgebürstete Fläche war deutlich heller als die elektrogebürstete.

Die meisten Leute entfetten ihre Haut zu sehr durch Seife. Solche Haut wird leicht allergisch, wird bakteriendurchlässig und man holt sich Krankheiten. Warmwasser reinigt normalerweise gut genug.

Zum Glätten meiner selbstgebauten Möbel habe ich viel Schleifpapier gebraucht. Und zwar kreisrunde Schleifblätter, die auf einer Gummiplatte befestigt werden, die mit einer Bohrmaschine angetrieben wird. Eines Tages habe ich mir ein Schleifband, wie es für Tischlereimaschinen verwendet wird, gekauft und daraus die Kreisscheiben geschnitten. Eine Scheibe eine Minute. Jetzt sind die Scheiben nicht nur viel billiger, sondern halten mehr als doppelt so lange.

Wozu soll ich Geschirr und Besteck abtrocknen, wo es doch von selber trocknet? Wozu soll ich mein Auto waschen, wo das doch der nächste Guß vom Himmel besorgt oder wenn es beim nächsten kleinen Dreckwetter sowieso wieder schmutzig wird?

Wenn meine Schuhe wasserabstoßend werden sollen, so erfüllt die billigste Paraffinpaste diesen Zweck genauso gut wie das teuerste Spray.

Was brauche ich für die Winterfütterung der Vögel teure Ringe und komplizierte Sämereimischungen zu kaufen? Ein Kilo Sonnenblumenkerne und ein Würfel Schmalz oder Margarine kosten 2 bis 3 DM. Das kriegen die Kleiber, Meisen und Finken unvermischt serviert und sollen sich gefälligst ihr Menü selbst zusammenstellen.

Teure Anschaffungen wären mir zuwider: Bücher etwa, die ich nicht lese, kostbarer Schmuck, eine Filmkamera, ein Farbfernseher oder eine Stereoanlage. Allein der Gedanke täte mir schon weh, daß ich für so ein Objekt von sagen wir 3000 DM Wert 300 Stunden unerfreuliche Arbeit verrichten sollte - das sind mindestens zwei Monate, die ich nach Herzenslust schöner verbringen könnte: zu Hause oder im Garten, auf Besuch bei Freunden oder auf Reisen in den Dolomiten, auf den Dalmatischen Inseln oder auf Korsika, was ganz billig wäre und nur das Kilometergeld kostet, wenn ich mich selbst verpflege und im Auto schlafe.

Es läßt sich kaum ein Gebiet im Haushalt und am Essen finden, wo man nichts vereinfachen und einsparen könnte. Besonders wichtig ist das in der Aufbauzeit, wo man sein Startkapital zusammenspart. Ich habe in diesen Jahren fast nie Wein oder Bier getrunken, sondern mich mit Tee oder Wasser begnügt. Ich habe kaum Kleidung gekauft.

Ach, ihr Armen, wie gut geht es doch mir! Ob meine Nudeln oder Kartoffeln vorher oder nachher gesalzen werden, ein wenig zu hart geraten oder zerkocht sind, ob das Fleisch saftiger oder trockener ausfällt, der Kaffee heller oder dunkler, der Wein kühler oder wärmer ist, das ist mir zwar nicht völlig gleichgültig, aber wichtig ist es mir auch nicht, denn ich habe ja noch eine Menge andere Dinge, die mir Freude machen und die mein Leben ausfüllen. Wer Essen und Trinken überkultiviert und überbewertet, zeigt damit nur, daß er damit den Mangel an sonstigen Freuden auszugleichen sucht.

Eine meiner erfreulichsten Mahlzeiten, die ich nie vergessen werde, hat auf einer Wiese nahe dem Ufer der Drau stattgefunden. Dort war ich abends angekommen, hatte mit meiner Freundin das Zelt aufgeschlagen und ein Spiritusfeuer gemacht. Während das Essen kochte, hörten wir das friedliche Rauschen des Flusses. Die Spätsommernacht war lau und sternenklar. Manchmal fiel eine Sternschnuppe. Und jedesmal war es uns ganz wichtig, daß der andere sie auch gesehen hatte. Zu essen gab es dann köstliche, gesalzene Maiskolben.

Angeschmiert

Wenn Sie in unmittelbarem Kontakt mit der Natur sind, wenn Sie einen Vogel im Flug beobachten, wenn Sie die wechselnde Schönheit des Himmels sehen, die Schatten über den Hügeln betrachten oder die Schönheit auf dem Antlitz eines Menschen, glauben Sie, daß Sie dann noch den Wunsch haben, in ein Museum zu gehen, um sich ein Bild anzuschauen?
Krishnamurti

Ungeheuer groß ist die Zahl der Pasten, Pulver und Sprays, die zu benötigen die tägliche Werbung uns weiszumachen versucht. Was wir da alles auf unsere Autos, Schuhe, Herde, Badewannen, Klomuscheln, Wände, Fußböden, Teppiche, Haare, auf Gesicht und Hände schmieren oder spritzen sollen, ist grotesk. Wir werden buchstäblich täglich »angeschmiert«. Und seit wir bürokratisch bevormundet und juristisch eingewickelt leben, hat sich die Einstellung breit gemacht, was gesetzlich erlaubt ist, wird nicht ganz schlecht oder falsch sein. Ein typisch deutsches Autoritätsdenken! Aber das ist ein Irrtum. Niemand würde daran gehindert, Zuckerwasser als Nährtrunk oder Sand als Reinigungsmittel zu verkaufen. Wir müssen Mißtrauen, Kritik, Ablehnung und persönliche Verantwortung entwickeln gegen die mörderische Macht von Industrie, Mode und Fortschritt. Ich greife ein Beispiel heraus.

In einem Jahr werden an den Badestränden der Welt etwa 30 000 Tonnen Sonnenöl, das sind 3000 Tankwagen voll oder eine lückenlose Tankwagenschlage von 36 Kilometern Länge, auf die Haut geschmiert. Hauptsächlich, damit man braun wird und keinen Sonnenbrand bekommt. Da gibt es angeblich Bräunungsfaktoren und Filterfaktoren und Biofaktoren, über die ich mir kein Urteil anmaßen würde, wenn ich nicht Chemiker mit zehnjähriger Berufserfahrung gewesen wäre. Ich würde allenfalls sagen, ich mißtraue den Angaben. So aber kann ich aus voller Überzeugung sagen, es gibt darin nur einen Faktor, den Schwindelfaktor. Und zwar aus folgenden Gründen: Der braune Farbstoff, den die Haut infolge ultravioletter Bestrahlung entwickelt, gehört zu den Melaninen, die uns zum Beispiel aus rohen Kartoffeln bekannt sind, wenn sich bei Luftzutritt der braune Farbstoff entwickelt. Man kann also unabwaschbare, tiefe Bräunung der Haut statt durch Sonne auch durch Imprägnierung der Haut mit einem derartigen Farbstoff herbeiführen. Solche chemischen Bräunungen sind allerdings gesundheitsschädlich und werden kaum noch zugelassen.

Will man mit Sonnencreme oder Sonnenöl lediglich die zu starke ultraviolette Bestrahlung filtern, so ist zu bedenken, daß dies nur durch millimeterdicke Schichten oder durch stark strahlenbremsende Stoffe möglich ist, die man deutlich als aufgetragene Farbstoffe erkennen kann. Diese Abschirmung der Haut erfolgt tadellos beispielsweise mit Desitin oder Labiosan, wo feinverteiltes Zinkoxid (ein weißes Pulver) die Sonnenstrahlen nicht hindurchläßt, nicht viel anders, als wenn man Papier auf die Haut kleben würde. Solche Mittel sind aber unbeliebt, weil man sie sieht. Daneben gibt es unzählige klare, für das Auge höchstens durch den Fettglanz wahrnehmbare »Sonnenschutzmittel«, die die UV-Strahlen herausfiltern sollen. Aber deren Wirkung ist ganz gering. Alles Werbeschmäh! Wo allerdings Trübungsteilchen im Sonnenöl enthalten sind, wird die Strahlung tatsächlich gebremst.

Seit Jahrhunderten machen Naturvölker von der einfachen und billigen Methode Gebrauch, die Haut einzufetten. Erst unserem Fortschritt war es vorbehalten, daraus ein blühendes Milliardengeschäft zu machen. Von unnützen Beimengungen abgesehen, sind alle klaren Sonnenöle und Sonnencremes gleich: Parfümiertes und gegen das Ranzigwerden chemisch konserviertes Fett. Das billigste Mittel ist genauso gut wie das teuerste. So wird man angeschmiert.

Der Sorge, welches Waschmittel noch weißer als weiß wäscht, sind wir enthoben, wenn wir uns damit begnügen, die Wäsche von unangenehmem Geruch zu befreien, keineswegs aber strahlendes Weiß haben zu wollen.

Spülmittel für Geschirr sind meist bedenklich. Nur bei sehr gründlicher, heißer Nachspülung verschwinden alle Reste, die andernfalls mit der nächsten Mahlzeit eingenommen werden würden und uns vielleicht in winzigen Spuren vergiften.

Ich lebe zwischen Wiesen und Wald. Mich erreichen keine Plakate und Illustrierten, Werbefunk schalte ich ab. Werbedrucksachen, die mich durch die Post erreichen, werfe ich weg. Das Landleben macht es einem leicht, sich dem chemischen Unfug einigermaßen zu entziehen, wenn man erst einmal die Überzeugung gewonnen hat, daß er ungesund und verschwenderisch ist und daß man doch nur angelogen wird.

Tierliebe

Die Welt ist kein Machwerk und die Tiere sind kein Fabrikat zu unserem Gebrauch. Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man ihnen schuldig.
Arthur Schopenhauer

Horst Stern berichtet, daß in der Schweiz jährlich für eine Milliarde Schweizer Franken Kosmetika verkauft werden, was einem Durchschnitt von 200 Franken je Bürger entspricht. Anderswo in den naturentfremdeten Industrieländern wird es ähnlich sein. Den Löwenanteil davon verbrauchen Frauen. Und von den Frauen sind vielleicht die Hälfte Kinder, Greisinnen und natürliche Frauen, die die meiste Kosmetik ablehnen, so daß von den »Kosmetik«-Frauen jede ein Quantum von 800 Franken im Jahr an Kosmetik verbraucht. Ich erwähne dies nicht nur, um die Verschwendung zu zeigen, sondern um eine traurige Nebenerscheinung noch hervorzuheben: Diesem monströsen und relativ überflüssigen Wirtschaftszweig fallen beispielsweise allein in den USA jährlich sechs bis acht Millionen Versuchstiere zum Opfer, an denen man ausprobiert, wie etwa Tierhaut eine Salbe oder Farbe, ein Haarwaschmittel oder eine Wimperntusche, oder wie der Tiermagen einen verschluckten Lippenstift verträgt. Wir mißhandeln und schlachten Millionen »Freunde« aus Putzsucht und Geldgier.

Nicht anders steht es um die Hege, Zucht und Winterfütterung der Hirsche nach fast völliger Ausrottung von Dachs, Marder, Luchs und Wolf. Die Heger und Jäger pflegen die Tiere nicht aus Liebe zu ihnen, sondern um sie abschlachten zu können und die Geweihe an die Wand zu nageln. Wer das tut, dem fehlt es an Liebe zur Natur und besonders zu Tieren.

Der Urmensch hat Tiere getötet, wie es seinen natürlichen Bedürfnissen entsprach. Nicht aus Prahlsucht, nicht zum Geldverdienen, nicht um sich zu schmücken und nicht aus Spielerei.

Eines Tages muß in grauer Vorzeit ein Rohling aufgetreten sein, der nichts dabei fand, einen schönen Vogel, vielleicht einen Silberreiher, zu töten, nur um sich mit seinen Federn zu schmücken. Seither hat sich die Menschheit verändert. Unzählige haben es nachgemacht. Man stumpft ab und empfindet das angerichtete Leid nicht mehr nach. Der Vogel mag Glied einer glücklichen Familie gewesen sein und hätte noch ein langes, freudiges Leben vor sich gehabt. Nun soll er fallen, nur damit sich jemand eine Feder an den Hut stecken kann. Damit hat der Mensch sich zum rücksichtslosen Despoten über die Natur erhoben und eine gefühlsmäßige Schranke übertreten. Diese Übertretung führt in gerader Linie zu Menschenmord und Weltvernichtung.

Ich glaube nicht, daß jemand zum einfachen Landleben zurückkehren sollte, der nicht fähig ist, sich als Bestandteil der Natur zu fühlen. Nur der wird auf seinem Land glücklich, der seine liebevolle Naturverbundenheit mitbringt oder zumindest wiederbeleben kann. Es genügt nicht, von Wald und Wiese umgeben zu sein. Viele denken und fühlen wie Primitivlinge.

Die Rückkehr zur Natur beginnt nicht mit dem Wohnsitz, sondern mit dem Herzen. Wenn ich in einer Auslage Handtaschen aus Krokodilleder sehe, wenn ich eine Frau mit umgehängtem Seehund- oder Tigerfell oder Fuchspelz sehe, graut mir. Mir graut um so mehr, je deutlicher noch eine Ähnlichkeit mit dem vollständigen Tier besteht. Mir graut vor aufgespießten Schmetterlingen und ausgestopften Vögeln, vor Gamshörnern und Hirschgeweihen an der Wand, noch mehr aber vor dem ganzen Kopf. Mir graut vor dem Schweinekopf beim Fleischhauer oder auf dem Neujahrstisch. Und wenn nun einer einwendet, dies sei nichts als Sentimentalität, Gemütsverzärtelung und Romantik, so bleibe ich trotz aller Einwände bei der Auffassung, daß wir einen angeborenen Widerwillen nicht nur gegen das Töten, sondern auch gegen den Leichnam oder einzelne Teile von ihm haben.

Daher widern mich auch Gemälde an, auf denen tote Tiere als Stilleben abgebildet sind. Und den Einwand, daß diese Abneigung erst aufgebaut, erdacht und anerzogen sei, weil doch auch ich als Kind unbekümmert Fliegen, Ameisen und Regenwürmer zerstückelt hätte, kann ich widerlegen. Einerseits macht das Gefühl deutliche Unterschiede zwischen den uns fernen und uns näheren, also größeren Tieren. Es ist nämlich ein Unterschied, ob ich einem Vogel, Frosch oder einer Fliege ein Bein ausreiße. Und zweitens regt sich im kleinen Kind erst allmählich die Fähigkeit, sich in andere Wesen hineinzudenken, mitzufühlen.

Gehen wir hin zu den Blumen und Bäumen, zu Bächen und Steinen und zu den Tieren. Der Garten Eden bleibt grau und fremd und stumm für alle, die ihre einbetonierten Gefühle nicht mehr befreien können.

Weiter auf Seite 2...

Persönliche Werkzeuge