5000 Tiermorde täglich! Der Tierversuch -- ethische und wissenschaftliche Hintergründe

Aus Tierversuchsgegner

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Dr. Hartinger nennt in diesem kompakten Text für jeden verständlich die wichtigsten wissenschaftlichen Einwände gegen Tierversuche

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Inhaltsverzeichnis

Vortrag beim Umweltforum der Bremischen Evangelischen Kirche am 1.10.1993 in Bremen »Das Tier als Mitgeschöpf«

Das Thema »Tierversuch« ist so komplex und vielschichtig, weil sich darin die verschiedensten wirtschaftlichen, persönlichen, wissenschaftlichen, beruflichen, politischen und industriellen Interessen überlagern. Die Politik legalisiert die quälend-tödliche Verwertung unserer Tiere, die Medien erklären sie »zum Wohle des Menschen«, kirchliche Institutionen liefern die moralische Rechtfertigung, die Wissenschaft bezeichnet sie als die einzige Erkenntnismethode, die Wirtschaft hält sie für unverzichtbar und alle verteidigen sie interessenskonform in jeder Weise.

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Die Notwendigkeit, Berechtigung und Verwertbarkeit der Tierexperimente wird also mit den Aussagen der Kreise begründet, die daraus verschiedenartige und erhebliche Vorteile ziehen. Doch ebenso wie man die Auffassung eines Metzgers über die vegetarische Lebensweise nicht unkritisch übernimmt, sollte man sich auch auf diesem für die Gesundheit bedeutungsvollen Gebiet eine unvoreingenommene eigene Meinung bilden.

Dazu sind drei Fragen zu beantworten:

Frage 1:

Ist der Mensch berechtigt, zu seinem Vorteil und Gewinn Milliarden unserer Mitgeschöpfe leidvoll leben zu lassen, nicht artgerecht zu halten und zu ernähren sowie qualvoll zu töten, und worauf sollte sich eine solche Berechtigung berufen?

Zur ersten Frage wäre festzustellen, daß fast alle Religionen und Moralphilosophien das Quälen und leidvolle Töten der Tiere -- ja, das Töten überhaupt, wenn man sich an das fünfte Gebot erinnert -- als unmoralisch bezeichnen und untersagen. Eine unmoralische Handlung wird aber nicht dadurch moralisch, indem man sie mit einem Gewinn oder Vorteilserhalt begründet. Es kann auch nicht nach dem Nutzen der Tierversuche gefragt werden, denn die Mentalität, daß jeder Zweck jedes Mittel heiligen würde, ist mit dem Begriff Ethik nicht vereinbar. Damit könnte jedes Vergehen gegen die Menschlichkeit, Mitgeschöpflichkeit und Moral bis zum Mord gerechtfertigt werden. Die Folter z.B. ist für das Opfer grausam, für den Folterer aber nützlich!

Was ist das für eine Ethik, die erlaubt, den einen zu quälen und dem anderen Vorteile zu verschaffen? Damit wird man peinlich an die Zeit erinnert, in der man zwischen wertem und unwertem Leben unterschieden hat.

Es kommt auch nicht darauf an, ob der Experimentator seine Handlungen mit seinem Gewissen vereinbaren kann, sondern ob sie von der Allgemeinheit geduldet werden können, zu deren angeblichen Wohle sie vorgenommen werden. Wenn das ruhige Gewissen ein Kriterium für die Integrität einer Handlungsweise wäre, müßte jede Gesetzesübertretung akzeptiert werden. Hier ist der Täter ja auch der Meinung, seine Taten mit seinem Gewissen vereinbaren zu können!

Bereits Schopenhauer äußerte sich zu diesen Fragen der Mensch-Tier-Beziehung, daß die größere geistige Erkenntnisfähigkeit des Menschen ihn auch zu einer entsprechend größeren Verantwortlichkeit gegenüber der Mitwelt verpflichtet!

Frage 2:

Können die Medizinerfolge wirklich wie behauptet auf die Tierversuche zurückgeführt werden, und sind diese überhaupt in der Lage, Wissen über menschliche Erkrankungen und deren Heilung zu vermitteln oder Wirkungsvorhersagen und Anwendungssicherheit von Fremdsubstanzen für den Menschen zu liefern?

Die methodenkritische zweite Frage beinhaltet, daß die Qualität einer wissenschaftlichen Forschungsmethoden nur anhand ihrer Ergebnisse am Bezugsobjekt beurteilt werden kann, also am Menschen. Darum ist der unabhängige Mediziner mit Erfahrung am Krankenbett, in Klinik und Operationssaal zuständig, eine Erfolgsbewertung durchzuführen, ohne dabei das Fachwissen anderer Disziplinen für Diagnose, Therapie und Krankheitsverlauf in Abrede zu stellen.

In keinem Forschungsbereich kann der Tierversuche eine verwertbar-sichere Aussage darüber machen, ob sich der menschliche Organismus wie der tierische verhält. In jedem Falle muß der gleiche Versuch am Menschen wiederholt werden. Erst wenn dessen Experimentergebnisse mit denen der Tiere verglichen werden können, ist feststellbar, ob er überhaupt, und wenn ja, in welchem Ausmaß, wie das Tier reagiert, kompensiert oder toleriert. Vorher ist jede übertragende Aussage eine Spekulation, bestenfalls eine Hypothese, denn der Übertragungsquotient ist zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt und auch nicht errechenbar. Man kann das Labortier auch nicht als »Modell« bezeichnen, denn dazu müßte zumindest eine berechenbare Vergleichbarkeit gegeben sein. Selbst die oft angeführte »Auswahl der vergleichbarsten Tierspezies« ist irreführend. Denn diese auszuwählen setzt doch die Kenntnisse über die Wirkungsprofile und metabolischen Abbauprozesse beim Menschen voraus. Ohne dieses Wissen kann das entsprechende Tier gar nicht ausgewählt werden!

Auch der Gesetzgeber hält die interpolierende Experimentierwert-Übertragung für ein unzumutbares Risiko. Der Gesetzgeber fordert vor Zulassung eines Medikaments: den Nachweis über Unbedenklichkeit, Wirksamkeit und Unschädlichkeit am Menschen.

Entgegen vielfachen anderslautenden Behauptungen sind somit weder die risikofreie Dosierung der Arzneien noch die Anwendung diagnostischer und therapeutischer Verfahren in der Humanmedizin auf die Tierversuche zurückzuführen, sondern ausschließlich auf die notwendigeweise gesetzlich geforderte Erprobung am Menschen.

Auch die Vorversuche wirkungsunbekannter Substanzen für neue Medikamente am Tier können keine Wirkungsvorhersagen oder Anwendungssicherheiten für den Konsumenten bringen. Ist nämlich dieser Fremdstoff am Tier verträglich und wirksam, muß er sich am Mensch keineswegs auch so verhalten. Dort kann er erfahrungsgemäß unvorhersehbar giftig sein sowie auch eine ganz andere, eventuell gar keine oder auch eine entgegengesetzte pharmakologische Wirkung haben. Dazu kommt, daß im Tierversuch zwar die Wirkung einer Substanz im tierischen Körper festgestellt werden kann, doch diese sagt über das wesentliche eines Medikamentes, nämlich seine heilende Wirksamkeit beim kranken Menschen nichts aus. Die kann nur am Erkrankten selbst nachgewiesen werden.

Frage 3:

Kann eine naturwissenschaftlich ausgerichtete Tierversuchsmedizin mit der ihren Vorstellungen zugrunde liegenden Chemotherapie von Symptomen aufgetretener Krankheiten langfristig zu einer Verbesserung des Gesundheitsstandards beitragen, und ist es möglich, eine durch Fehlverhalten, ungeeignete Ernährung und Lebensweise sowie durch Umwelteinwirkungen entstandene Erkrankungen mit einer chemischen Monosubstanz ursächlich zu heilen?

Die dritte Frage befaßt sich mit der Aussagefähigkeit einer naturwissenschaftlichen Analyse auf physikalisch-chemischer Ebene über dem Erkrankungs- und Heilungsprozeß eines Lebewesens. Nachdem die Naturwissenschaft ihr Erkenntnisziel als »Erforschung der Natur nach den Gesetzen von Raum und Zeit, Logik und Kausalität auf dem Boden der realen Materie« definiert, kann sie über die artspezifischen psychosomatisch gesteuerten Funktionen und Reaktionen eines biologischen Organismus nichts aussagen.

Sie kann nur die eingetretenen krankhaften Veränderungen feststellen, nicht aber die Vorgänge analysieren, die vor einer erkennbaren Krankheitssymptomatik zu diesen Veränderungen geführt haben und ignoriert somit alle noeso-psychosomatischen Zusammenhänge bei Mensch und Tier.

Da anerkannterweise nur 1/3 aller Krankheiten geheilt werden kann, ist errechenbar, daß diese Interpretation der Erkrankungsursachen mit der Symptombehandlung aufgetretener Krankheiten weder zu Erkenntnissen über die eigentlichen Entstehungsursachen, noch zu einer Verbesserung des allgemeinen Gesundheitsstandards führen kann. Letzteres wäre nur durch eine Verhinderung der Krankheitsentstehung erreichbar. Doch gerade über diese ursächlichen Vorgänge vor ihrer klinischen Manifestierung kann sie keine Aussagen machen. Mit ihr wurde das Weltbild der Physik in die Medizin eingeführt, der Mensch als eine Art mechanisches System angesehen und der empirische Erkenntnisweg am Krankenbett verlassen. Entwickelt wurde nur die deduktive Herleitung einer Chemotherapie aus einzelnen, mittels chemisch-physikalischer Kausalanalyse qualifizierbaren Krankheitssymptomen. Die wesentlichen Dimensionen des Individuum Mensch, seine sozialen, seelischen und geistigen Bezugsebenen werden ausgeklammert, obwohl sie für die Schädigung des Immunsystems als eigentliche Erkrankungs-Disposition ebenso ausschlaggebend sind wie für den Heilungsprozeß. Das Arzt/Patienten-Verhältnis reduziert sich so auf das Niveau, das der Mechaniker dem zu reparierenden Objekt entgegenbringt. Darum ist es auch unwahrscheinlich, eine durch Fehlverhalten, falsche Ernährung, ungeeignete Lebensweise und durch Umwelteinwirkungen entstandene biologische Schädigung mit einer chemischen Monosubstanz ursächlich heilen zu können. Heilen können nur die Regenerationskräfte des Organismus.

Es geht keinesfalls darum, Leistungen von Wissenschaftlern in Abrede zu stellen, die Wissenschaft zu verteufeln oder gar die Naturwissenschaften abzuschaffen. Doch es muß ihre selbstbegrenzte Aussagefähigkeit für die Lebensvorgänge richtig eingestuft und darüber hinausgedacht werden. Abzulehnen ist die einseitig naturwissenschaftlich dominierte Forschung mit Tierversuchen, die Ignorierung ihrer Folgen beim Mitmenschen, die Grausamkeit gegenüber dem Mitgeschöpf und die mißbräuchliche Ergebnisinterpretation in ihrem Namen. Wenn diese Methode durch Claude Bernhard vor ca. 150 Jahren mit der Begründung eingeführt wurde, warum denken, wenn experimentiert werden kann, dann scheint höchste Zeit zu sein, diese auf Tierversuchen und Denkverzicht basierende Medizin- und Moralauffassung im Interesse von Mensch und Tier durch Denken und Verzicht auf Tierversuche zu ersetzen...

Dr. med. Werner Hartinger (67 [im Jahre 1995]) war Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie und praktizierte seit 1953. Nach seiner Promotion an der Universität München hat er seine Ausbildung im internistischen und gynäkologischen Bereich fortgesetzt. Bis 1970 war er in verschiedenen Kliniken tätig und eröffnete eine Praxis für Chirurgie und Unfallchirurgie in Tiengen bei Waldshut. Dr. Hartinger war 1. Vorsitzender der Vereinigung »Ärzte gegen Tierversuche« und hielt Vorträge im In- und Ausland.

Veröffentlicht in

  • Der Vegetarier. März / April 1994 (Nr. 2/94), Seite 56-58
  • Fit fürs Leben. Januar/Februar 1995 (Nr. 1/95): Seite 42-44